Filius

Filius` Einzug bei uns war geplant, ungeplant, wenn ihr versteht, was ich meine. Bereits im Oktober wurde ich angefragt, über den Winter 2015/2016 einen knapp einjährigen Jungen, für etwa vier-fünf Monate bei uns aufzunehmen. Bisher lebte er von seiner Geburt an, mit seiner Mutter in einer Mutter-Kind-Einrichtung. Um die weitere Perspektive für Mutter und Kind sollte ein stationärer Aufenthalt in einer therapeutischen Einrichtung als weitere Maßnahme folgen und eben für diesen Zeitraum wurde ein Bereitschaftspflegeplatz für den kleinen Filius gesucht.

Da keine akute Zeitnot bestand weil erst die geeignete Klinik gefunden werden, und die Aufnahme dort terminlich geplant werden musste, fuhren wir erst in aller Ruhe in unser Miniparadies nach Zeeland um dort die Herbstferien zu verbringen und uns dort auf den Winter zu sechst vorzubereiten. Wenn es sich zeitlich planen lässt, nutzen wir die Zeiten vor einer Aufnahme immer ganz intensiv, genießen die Zeit mit unseren Kindern, denn man kann bei Bereitschaftspflege immer ganz sicher davon ausgehen, dass es mit sehr unruhigen Zeiten einher geht.

Bis die Kinder ankommen, sich einleben, sich an den neuen, vielleicht sogar ersten, festen Lebensrhythmus gewöhnt haben, rütteln sie das bestehende Familienkonstrukt nicht selten mal ordentlich durcheinander.

Gleich am Tag nach den Herbstferien fuhr ich mit der zuständigen Sozialarbeiterin in die Mutter-Kind-Einrichtung, in der Filius mit seiner Mutter lebte um die beiden kennenzulernen. Mir ist es wichtig, wenn es denn organisatorisch möglich ist, den Bereitschaftskindern zumindest ein Mindestmaß Vertrauen zu mir schenken zu können und bei einer geplanten Aufnahme, ist es einfach großartig, dass genug Zeit bleibt, sich ganz behutsam kennenzulernen. Was nicht bedeutet, dass man beim ersten Treffen nicht nervös ist …

Die Gedanken sind eigentlich immer die Gleichen; was ist das wohl für ein kleines Menschenkind, was hat es wohl erlebt, wie sieht es aus, wie sind seine Eigenarten, wie wird es auf mich reagieren und wird es mir vertrauen?

Mit Filius` Mutter war es vom ersten Moment an sehr unkompliziert. Sie hatte in dem einen Jahr gelernt ihren Tagesablauf als Mutter sinnvoll zu strukturieren und machte, laut ihrer Betreuerin sehr Vieles, richtig gut. Ich beobachtete während unserem ersten Gespräch eine entspannte Interaktion zwischen Mutter und Kind. Eine andere, als ich mit Kindern spielen würde weil sie mir als sehr grob, laut und übergriffig erschien aber für die beiden war es ihre Art miteinander zu spielen und beide schienen damit glücklich zu sein.

Wir vereinbarten, dass ich bis zur Aufnahme, voraussichtlich Anfang Dezember, zwei Mal wöchentlich in die Einrichtung kommen würde um dort Zeit mit Filius zu verbringen und wir uns langsam kennenlernen konnten. Schon beim zweiten Termin konnte ich den gesamten Vormittag alleine mit Filius verbringen. Wickeln, Füttern, Spielen, Spazierengehen…all das war ohne Komplikationen möglich.
Ein wohl typisches Phänomen der Bereitschaftskinder, sich blitzschnell auf neue Situationen einzustellen und sich anzupassen. So oft sind sie mehrere Bindungspersonen gewöhnt, dass es fast egal scheint, wer ihre Bedürfnisse erfüllt. – Hauptsache sie werden erfüllt.

Ich kam gerade vom vierten Besuch mit Filius nach Hause, als ich schon von draußen das Telefon klingeln hörte. Das Jugendamt. Die Klinik, in die Filius` Mutter aufgenommen werden sollte, hatte kurzfristig früher einen Platz frei, ob ich ihn schon morgen in der Einrichtung abholen könnte. Zwei Wochen früher als eigentlich geplant war. Ich überlegte kurz! Übermorgen war der Geburtstag der großen Schwester, den wir mit Familie und Freunden geplant hatten und ihr Kindergeburtstag stand am Wochenende auch noch an…Ach was soll`s, auf ein Kind mehr oder weniger, kam es schließlich nicht an…dachte ich zumindest noch…und stimmte zu, ihn am nächsten Tag abzuholen.

Die Übergabe war kurz und schmerzlos. Ich bekam sein U-Heft, Versichertenkarte und einen Bericht aus dem Mutter-Kind-Haus, eine Reisetasche und den Jungen quasi in den Arm gedrückt und stand fünfzehn Minuten später ein wenig verdattert an der Straße und versuchte irgendwie, vollbepackt, wie ich war, den Kofferraum aufzubekommen. Dabei muss ich sehr verzweifelt gewirkt haben, denn ein älterer Herr kam mir zur Hilfe und guckte mich ziemlich mitleidig an…bis heute glaube ich, er hielt mich für eine gerade verlassene Ehefrau/Mutter, die gerade mit Kind und Kegel vor die Türe gesetzt worden war. Egal, was er dachte, er half mir, das Gepäck einzuladen, während ich Filius im Kindersitz auf dem Rücksitz verstaute, bevor ich endlich losfahren konnte.

Und dann ging auch schon das Theater los. Filius schrie und brüllte wie verrückt und was ich erst auf den Trennungsschmerz schob, stellte sich erst viel später als etwas ganz Anderes, völlig Unerwartetes heraus. Filius kannte kein Autofahren. Die Mutter-Kind- Einrichtung lag sehr zentral in einer großen Stadt und weil seine Mutter keinen Führerschein hatte und vor Ort alles Wichtige, fußläufig zu erreichen war, saß Filius gerade zum ersten Mal im Auto. Festgeschnallt. Was das für diesen kleinen Zwerg bedeutete höre ich heute noch in meinen Ohren klingeln, so verzweifelt war sein Weinen. Nun gut, für den Moment mussten wir da einfach durch. Zumindest bis zur nächsten Raststätte. Dort fuhr ich nämlich augenblicklich von der Autobahn, um den Kindersitz auf dem Beifahrersitz festzuschnallen damit er wenigstens nicht alleine hinten sitzen musste und ich das zarte Vertrauen, was während unserer Besuchszeiten aufgebaut worden war, nicht gleich wieder zerstören würde.

Zu Hause angekommen, erwartete uns gleich die nächste Schreiattacke. Filius hatte panische Angst vor Hunden. Und auch wenn unser Hund kaum größer als eine Katze ist, liebt er Kinder und begrüßt sie immer sehr überschwänglich…Zuviel für Filius. Er schrie was das Zeug hielt, während ich Benji in sein Körbchen schickte. Das würde für die ersten Tage wohl das Schwierigste werden; Hund und Kind aneinander zu gewöhnen ohne dabei den Geburtstag der großen Schwester aus den Augen zu verlieren…das könnte ja noch etwas geben…

Die ersten Tage waren rückblickend noch die, die am wenigsten anstrengend waren. Filius zeigte ein noch sehr angepasstes Verhalten, nahm seine Rolle als jüngster von vier Kindern an und gewöhnte sich auch sehr schnell an den Hund.


Schon nach wenigen Tagen, lagen die beiden zusammen im Körbchen. Zumindest so lange, wie Filius freundlich mit Benji umging, denn nach und nach kamen deutlich andere Charakterzüge zum Vorschein, die das Zusammenleben äußerst schwierig bzw. anstrengend gestalten ließen.