Elsa

Die kleine Elsa holte ich am 9.6.2016 nachmittags aus ihrem Kindergarten, angekündigt und vorbereitet, dennoch beeindruckt mich unsere erste Begegnung noch heute zutiefst.

Am Vortag wurde uns die kleine Elsa angekündigt. Nur für ein paar Tage, war die Prognose und gleichzeitig unsere erste Belegung mit einem so „großen“ Kind. Elsa war schon drei Jahre alt aber aufgrund ihrer Beschreibung und die Kürze der Dauer des Verbleibs wollten wir es gerne mit Mogli und Elsa versuchen. Elsa wurde uns als neugieriges, offenes und absolut liebenswertes kleines Mädchen beschrieben, was sich durch ihr Schicksal nicht hatte brechen lassen.

Ein Wunder, wie die Ärzte sagten, dass sie ohne bleibende Schäden nach wochenlangem Klinikaufenthalt wieder entlassen werden konnte. Äußerlich war nichts mehr von ihren traumatischen Erlebnissen zu sehen. Wie es jedoch in ihrer kleinen Seele ausgesehen haben muss, kann ich mir bis heute nicht vorstellen. Wie schafft ein so zartes Mäuschen es nach brutalsten Verletzungen, den Erwachsenen, nicht nur noch zu vertrauen, sondern auch mit voller Neugier und Lebensfreude durchs Leben zu gehen? – eine unvorstellbare Stärke, ihrem Schicksal zu trotzen. Anders ist es nicht zu erklären.

Es war ca. 15 Uhr als ich mit Mogli im Gepäck, das Auto vor Elsas Kita abstellte um sie voraussichtlich für 4-6 Tage mit zu uns zu nehmen. Die allseits präsenten Fragen, wenn es um die Aufnahme eines neuen Kindes geht, zum X. en mal durchgespielt und doch keine Antwort bekommen, stand ich nun mit Mogli an der Hand auf dem Hof und schaute ca. 30 Kindern beim Spielen zu. Ich hatte Elsa vorher nur einmal ganz kurz gesehen und wandte mich an eine der Erzieherinnen, die mir schon entgegen geschlendert kam. Ich stellte mich kurz vor und wies mich, mit meiner Vollmacht aus, vom Jugendamt berechtigt zu sein, Elsa abzuholen, da sprang mir auch schon ein kleiner Blondschopf in die Arme und freute sich, endlich abgeholt zu werden. Ich war sehr erleichtert, dass Elsa uns gegenüber so offen agierte. Ich hatte mich mental schon auf viel Überreden eingestellt und Mogli unter anderem mitgenommen um ihr ein wenig Sicherheit zu signalisieren. Kinder untereinander verstehen sich ja oft ohne große Worte und hätte Mogli, die kleine Elsa zum Spielen eingeladen, wäre es sicher einfacher gewesen. So jedoch war es mir noch viel lieber. Eine kleine Elsa, die sich freute für ein paar Tage eine „Ersatz-Mama“ und Ersatz-Geschwister zu bekommen. So nannte sie mich tatsächlich; Ersatz-Mama.

Mit der Erzieherin sprach ich kurz durch, wann und für wie lange ich Elsa am nächsten Tag bringen würde und anschließend stiefelte ich mit den beiden Mädels je an einer Hand zum Auto. Während ich Mogli in ihrem Kindersitz anschnallte überraschte Elsa mich zum ersten Mal, während ihres Aufenthalts bei uns. (obwohl wir noch nicht mal zu Hause angekommen waren) Völlig selbstständig kletterte sie unter großem Kraftaufwand in ihren Kindersitz und schnallte sich selbstständig an. Wohlgemerkt in einem Fünfpunkt-Gurtsystem und wir fahren einen Van, also ziemlich hohe Sitze für ein Kleinkind von noch nicht mal einem Meter Körpergröße. Ich war sehr beeindruckt und überlegte, ob sie diese Anstrengung wohl auf sich genommen haben könnte, weil sie nicht wollte, dass ich ihr körperlich so nah kommen würde, wenn ich das Anschnallen übernommen hätte, kam jedoch zu dem Schluss, dass das nicht mit ihrer Offenheit während unserer Begrüßung zusammen passte. Egal, klein Elsa war eben einfach motorisch und körperlich sehr weit, ließ ich es einfach so stehen, hatte jedoch diesen Gedanken im Kopf, dies ein wenig zu beobachten solange sie bei uns sein würde.

Während der Fahrt unterhielten sich Mogli und Elsa darüber, dass sie nach der Ankunft zu Hause entweder Straßenkreide malen wollten oder aufs Trampolin im Garten gehen würden. Schon wurde die Diskussion ein wenig hitziger; keiner der beiden wollte nachgeben und ich versprach, dass wir für alles noch genügend Zeit haben würden, wenn wir nicht zu viel Zeit mit Streiten vergeuden würden. Zuhause angekommen zeigten wir klein Elsa zuerst das Bereitschaftskinderzimmer, in dem sie schlafen würde. „Alles klar“, kam wie aus der Pistole geschossen „Mama, bringst Du mich ins Bett?“ „Äh, ja natürlich Elsa. Wir lesen zusammen eine Geschichte und anschließend geht ihr schlafen, Du und Mogli“, antwortete ich ein wenig verdattert. Dass sie mich nach knapp einer halben Stunde mit Mama ansprechen würde, war mir nicht klar, war ich doch vor gut zwanzig Minuten noch die Ersatz-Mama. Nicht, dass mich das schockierte. Es ist kein Geheimnis, dass „unsere“ Kinder ein ziemlich gestörtes Bindungsverhalten zeigen aber bei einem dreijährigen Mädchen, was den Titel „Mama“ schon besetzt hatte, war ich mehr als erstaunt, dass der Prozess des Einnehmens dieser Rolle, weniger als eine Stunde gedauert hatte, sagte aber nichts. Wenn es Elsa damit gut ging, sollte sie mich ruhig Mama nennen.

Der Nachmittag und der Abend vergingen wie im Flug. Mogli und Elsa spielten weitestgehend friedlich miteinander und konnten sich immer schnell einigen, wenn sie unterschiedliche Ideen hatten was bei Mogli keine Selbstverständlichkeit ist. Mit Kindern im gleichen Alter hat sie gerade in der Interaktion große Schwierigkeiten und braucht sehr viel Hilfe in der Regulation. Jedoch konnten wir schon häufiger beobachten, dass sie und auch andere Pflegekinder einen Instinkt füreinander besitzen und nicht selten viel besser miteinander harmonieren als mit „normalen“ Kindern. Der Umgang mit Elsa bestätigte diese Theorie mal wieder.

Inzwischen war es Zeit fürs Abendessen und auch hier zeigte Elsa ein völlig unkompliziertes Verhalten. Sie aß gut gelaunt ihr Butterbrot mit Leberwurst, lachte wenn jemand etwas Lustiges sagte und hatte einfach Spaß daran bei uns zu sein. Von Scheu oder gar Angst absolut überhaupt gar keine Spur.

Wenn ich daran denke, dass eins meiner Kinder, in Elsas Alter von einer fremden Frau aus der Kita abgeholt worden wären und nur drei Stunden später am Abendbrottisch zu dieser Frau „ Mama“ sagen und ganz einfach mit am Tisch sitzen würden, als wäre es niemals anders gewesen, wird mir noch heute schwindelig!

Das allabendliche Bettfertig machen, von Mogli längst zum täglichen „Ich drehe nochmal richtig auf, laufe permanent weg und lasse mich nicht umziehen, geschweige denn waschen“ ritualisiert, konnte Elsa weder erschüttern noch beeindrucken. In null Komma nichts hatte sie sich ausgezogen, den Schlafanzug angezogen und ihre Zähne vorgeputzt. Bereitwillig ließ sie mich nachputzen und fiel mir als Dankeschön um den Hals und küsste mich auf die Wange. Ich beschloss Mogli noch ein wenig aufzulassen und sie erst ins Bett zu bringen, wenn Elsa eingeschlafen war um ihr ein wenig Zeit mit uns alleine einzuräumen. Ich las Elsa eine kurze Gutenachtgeschichte vor, legte sie ins Bett und staunte nicht schlecht, als sie sich völlig tiefenentspannt rumdrehte um friedlich einzuschlafen.

Kein:
Wo ist meine Mama? Wann gehe ich wieder nach Hause? Wie lange bleibe ich hier? Einfach nur; Gute Nacht!

Ich schloss vorsichtig die Türe zum Bereitschaftszimmer, nahm Mogli fest in den Arm und weinte zwei bis fünf stille Tränen weil mich die kleine Elsa berührte, beeindruckte und mich zugleich tieftraurig stimmte.