Auf der Suche nach dem guten Grund…

Der Blick über eine Mauer…ein Leben lang!

„Ich liege im Bett. Um mich herum ist alles dunkel. Ich bin allein, höre komische Geräusche von überall her und ich bin ganz sicher, sie kommen immer näher oder sind vielleicht sogar schon unter meinem Bett. Ich habe große Angst. Ich glaub mir wird schlecht. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal etwas zum Essen bekommen habe. Ich bin ja auch erst drei Jahre alt und kann sowas alles noch gar nicht wissen. Mein Bauch tut so feste weh. Ich habe schon ein paar Male nach meiner Mama gerufen obwohl ich weiß, dass ich sie nicht stören darf. Sie schreit mich dann immer ganz laut an, was ich für ein dämliches Kind bin, dass sie gefälligst auch mal ihre Ruhe braucht, weil ich den ganzen Tag so schrecklich anstrengend war. Manchmal war ich auch so böse, dass sie mich heftig gegen den Kopf schlagen muss, damit ich endlich mal spüre, dass ich zu nichts zu gebrauchen bin. Was stehe ich auch so blöd in der Ecke rum? -schreit sie mich dann an. Mir tut das dann ganz furchtbar leid. Ich möchte doch, dass es Mama gut geht. Ich möchte ihr keinen Ärger machen. Ich bin wirklich schrecklich. Mama sagt immer, man darf Kinder nicht verwöhnen, deshalb darf ich auch nicht in ihrem Bett schlafen, wenn ich Angst habe. Wäre ja noch schöner, wenn ich das dann mein Leben lang beibehalten würde. Heute möchte ich alles richtig machen. Ich möchte, dass Mama stolz auf mich ist und mich dann so richtig liebhat, obwohl ich so ziemlich immer alles falsch mache. Ich rufe einfach nicht mehr nach ihr, störe sie nicht damit sie morgen ganz ausgeschlafen ist und Zeit mit mir verbringen kann. Ich versuche mich abzulenken und denke an den Kindergarten. Wie ich mit den anderen Kindern spiele. Aber eigentlich spiele ich immer allein. Weil ich anscheinend auch zum spielen nichts tauge. Die Kinder aus meiner Gruppe sagen immer, ich sei viel zu doof, um bei ihnen mitzuspielen. Dabei gebe ich mir so große Mühe, nicht doof zu sein. Sie haben aber ja recht. Mama sagt ja schließlich auch immer ich sei zu doof. Das kann ich natürlich niemandem sagen. Stellt euch mal vor, dann wäre ja wirklich niemand mehr da, der sich um mich kümmert. Wer soll mir denn mein Essen geben oder wo soll ich denn schlafen oder wohnen? Nein, dass ich so unglaublich doof bin, dürfen auf keinen Fall noch mehr Menschen wissen. Deshalb sage ich niemandem etwas davon.

Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, meine Erzieherin im Kindergarten findet mich nicht ganz so schrecklich. Sie fragt mich immer, ob mit mir alles in Ordnung sei. Manchmal setzt sie sich auch ganz allein zu mir und spielt mit mir. Das gefällt mir sehr und das würde ich am liebsten den ganzen Tag machen. Ich habe Mama erzählt, dass ich bei meiner Erzieherin so artig war, dass sie den ganzen Vormittag nur mit mir gespielt hat. Mama lachte nur schnippisch und meinte, ich sei ja dämlicher, als sie vorher dachte und so dämliche Kinder bekommen Stubenarrest. Aber ich bin ja auch selbst schuld, ich kann einfach nichts richtig machen. Seitdem ich Mama gesagt habe, dass ich mit der Erzieherin gespielt habe, bin ich in meinem Zimmer. Ich habe so riesigen Hunger, dass ich weinen muss, weil ich so dolle Bauschmerzen habe. Natürlich nur ganz leise damit ich Mama nicht störe. Plötzlich erschrecke ich mich ganz fürchterlich. Die Türe zu meinem Zimmer geht auf und mehrere fremde Menschen stehen vor mir. Hände, die ich nicht erkenne, greifen nach mir, nehmen mich auf den Arm und sprechen beruhigend auf mich ein, dass ab jetzt alles gut wird, dass ich keine Angst haben muss. Die Stimme sagt, dass sie mich in eine Pflegefamilie bringen, die gut für mich sorgen wird und ich spüre, wie panische Angst in mir aufsteigt. Schon wieder mache ich so viel Ärger und was heißt überhaupt ab jetzt wird alles gut? Ich höre Mama brüllen, dass es mir bei ihr doch an nichts fehlt, dass ich einfach nur ungezogen und ich deshalb die ganze Woche nicht im Kindergarten gewesen sei. Aber ganz egal wie sehr ich mich wehre, die fremden Menschen, nehmen mich einfach mit und kurze Zeit später stehe ich in einer fremden Küche, vor einer Frau, die ich noch nie gesehen habe. Obwohl sie sehr freundlich und lustig aussieht, habe ich große Angst. Angst, weil ich ja immer so viel falsch mache und sie mich bestimmt auch schon so richtig doof finden werden….

Ihr Lieben,

diese Geschichte ist nur eine fiktive Einleitung zu meinem Beitrag „auf der Suche nach dem guten Grund“ Wenn auch sie sich genauso und in tausenden anderen, abgewandelten Varianten in „unseren“ Wohnzimmern sattfinden.

Um wahrhaftig zu verstehen, was sich in den Gedanken und Ängsten, im Leben mit einem traumatisierten Kind abspielt, müssen wir ihre Realität betreten. Es reicht nicht aus, ihnen die Hand zu reichen, um sie aus ihrer Welt zu retten. Körperliche oder psychische Gewalt, Mangelversorgung oder Verwahrlosung sind Gründe, für überwältigende Traumatisierungen. Unter Umständen sogar verknüpft mit Todesangst. Denn ein Kind weiß nicht, wie groß der Hunger sein muss, ein Kind weiß nicht, wie brutal die Schläge sein müssen oder wie lange es allein aushalten kann, bis es nicht mehr überleben wird. Unsere Kinder sind ausnahmslos alle von uns Erwachsenen abhängig. Für viele Jahre.

Diese Welt, die Welt eines traumatisch belasteten Kindes, habe ich mit Moglis Einzug bei uns betreten, ohne davon auch nur im Ansatz gewusst zu haben, was dies im Zusammenleben bedeuten wird. Ich habe sie angenommen. Und damit meine ich nicht ausschließlich Mogli. Ich möchte aber noch mal erwähnen, dass die Einleitung nicht Moglis Geschichte ist! Mit der Entscheidung sie anzunehmen, mit ihrer Geschichte, ihrer Herkunft, ihrer Biografie und mit ihren überwältigenden Erfahrungen, musste ich lernen umzudenken, was nicht nur uns bis heute, immer wieder auf neue herausfordernde Aufgaben stellt, ich aber in keiner Phase meines Lebens, mehr wachsen oder mehr über mich lernen dufte. Mogli hat mich verändert. Durch Mogli bin ich nicht nur nachdenklicher oder sorgenvoller. Mogli sorgt dafür, dass ich viel achtsamer, feinfühliger bin und gelernt habe, die Grenzen neu zu stecken. Ich halte daran fest, dass alle unserer Kinder, ganz egal ob gesund entwickelt oder nicht, Grenzen brauchen. Zumindest immer dann, wenn sie sich selbst, andere oder mich in Gefahr bringen könnten. Über gesetzte Grenzen hinaus, musste ich erst begreifen, dass stark traumatisierte Kinder sehr selten die Konsequenzen aus ihren Handlungen verstehen oder gar in Erwägung ziehen und so stand ich nicht selten einem kleinen Bollwerk aus Wut, Angst und Verachtung gegenüber. Heute stelle ich mir ernsthaft die Frage; habe ich wirklich mal geglaubt, dass ich ein Kind, das dem Tod ins Auge geblickt hat, mit Tablet- oder Fernsehverbot, beeindrucken kann? Langfristig vermutlich nicht! Glaube ich wirklich, dass ich einem wütenden Kind, das im Supermarkt den Schokoriegel nicht bekommt, die freie Wahl lasse, mir zu folgen, wenn ich es allein zurücklasse, bis es sich beruhigt hat und wieder „lieb“ ist? Unsere Kinder haben keine Wahl. Sie sind von uns abhängig und heute weiß ich, wir verschwenden so unglaublich viel Energie damit, „entdeckte Taten“ unserer Kinder entlarven zu wollen, um sie zu konfrontieren und sie in der Folgerung zu besseren Menschen zu erziehen. Dabei könnten wir diese Energie doch viel sinnvoller darin investieren, feinfühliger und näher am Kind zu sein und auch zu bleiben. Wir sollten uns „nach dem guten Grund“ fragen. Denn es wird ihn immer geben.  Kein Kind ist gerne auffällig. Kein Kind geht mit dem Gedanken in die Kita oder in die Schule, um allein im Abseits zu stehen. Kinder wollen alle das gleiche. Sie wollen Teil der Gemeinschaft sein. Doch traumatisierte Kinder leben häufig hinter ihren „Schutzmauern“, erlauben sich häufig nur kurze Blicke darüber hinweg und es fällt ihnen unglaublich schwer „alles richtig“ zu machen um „einfach“ dazuzugehören.  Kinder mit überwältigenden, frühkindlichen Erfahrungen werden Teile dieser Mauer nie durchbrechen können. Geräusche, Gerüche, Klänge oder Gefühle können sie in Sekundenschnelle, genau zu dem Zeitpunkt, ihres Traumas zurück katapultieren und ihre Erfahrungen zwingen sie zurück in ihre Überlebensstrategie.

Wir wissen so wenig über das, was Mogli wiederfahren sein könnte. Doch immer dann, wenn sie so ganz anders reagiert, als es für ein gesundes Kind üblich ist, weiß ich inzwischen, es hat „einen guten Grund“ und ich kann sie sanktionieren oder ich kann sie bestrafen. Doch wieviel wertvoller wäre es für Mogli, wenn ich sie annehme, sie in ihre Welt begleite und ihre Ängste mit ihr gemeinsam durchstehe, sie einfach verstehe und den Grund für ihr Verhalten, wahrheitsgemäß benenne? Ein Trauma ist immer mit einem Gefühl verknüpft und wenn Kinder keine Worte für ihr Trauma haben, erleben sie es ausschließlich auf ihrer Gefühlsebene und selbst wenn ich nichts von ihrer Vergangenheit weiß, ist es die Wahrheit, wenn ich ihr sage, ich weiß nicht, warum du so große Angst hast, aber ich nehme sie wahr. Deine Angst hat einen guten Grund und das was dir passiert ist, war falsch und gemeinsam finden wir eine Möglichkeit, dass Du diese Angst nicht mehr spüren musst.

Wir dürfen die Ängste (egal ob traumatisch oder nicht) nicht verleugnen. Es hilft unseren Kindern nicht, zu sagen, sie sollen sich mal nicht so anstellen. „Du warst doch noch so klein, du kannst dich daran doch gar nicht mehr erinnern“. Oder „Das war bestimmt alles nicht so schlimm und sei schon so lange her, dass es doch nun langsam auch mal gut sein könnte“. (Sätze, die nicht nur von Eltern, sondern auch vom Freundeskreis, Erziehern oder Lehrern gerne mal ausgesprochen werden) Ängste und Sorgen haben ebenfalls ihren guten Grund. Und diesen gilt es zu finden und zu sensibilisieren.

Unsere Kinder bauchen mehr Wahrheit. Unsere Kinder brauchen mehr Verständnis, Sensibilität und unsere Kinder brauchen mehr Feinfühligkeit!

Alle Kinder, denn jedes Kind ist immer das Beste, was ihm seine Geschichte erlaubt zu sein und alles was sie tun, tun sie aus einem guten Grund!


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