Urlaub mit Mogli

Warum uns die schönste Zeit des Jahres oft alles abverlangt

Endlich Ferien! Endlich Urlaub! Wie wohl die meisten anderen Familien auch, sehnen wir vor allem die Sommerferien herbei und malen uns schon Wochen vorher aus, wie wir an lauen Sommerabenden mit der ganzen Familie Karten spielen, gutes Essen genießen und durch pure Entspannung und in den Tag hinein leben, Kraft und Energie fürs kommende Schuljahr bzw. die zweite Jahreshälfte sammeln werden.

Als Mogli zu uns kam, merkten wir ziemlich schnell, dass selbst obwohl sie noch so klein war, ein geregelter Tagesablauf mit festen, immer wiederkehrenden Ritualen unabdingbar waren, um ihr Sicherheit für eine gesunde Entwicklung zu bieten und so kauften wir uns, als sich die passende Gelegenheit bot, unser Mobilheim an der holländischen Küste um immer wieder an einen Ort, fernab von Besuchskontakten, Physiotherapie und anderen kräftezehrenden Terminen zurückkehren zu können. Unser ganz persönliches Stückchen Paradies, in das wir uns zurückziehen, wenn wir eine Pause vom Alltag brauchen, es Mogli nicht gut geht oder eben einfach, wenn Ferien sind. Wir müssen uns hier nicht an feste Zeiten halten, müssen Mogli nicht „im Zaum“ halten, um andere Urlaubsgäste nicht zu stören und das wohl wichtigste für Mogli, sie schläft immer in ihrem „Holland-Bett“ und kennt die Umgebung. Kurzum, sie hat ein Bild zu dem Ort, den wir Urlaub nennen.

Auch wir fahren jedes Mal aufs Neue mit ziemlich hohen Erwartungen in unser Mini-Paradies, wünschen uns Erholung und gehen tatsächlich auch nach so vielen hier verbrachten Wochen, davon aus, dass diesmal alles viel entspannter sein wird. So schiebe ich zum Beispiel den Wunsch, ein gutes Buch mit an den Strand zu nehmen schon den vierten Sommer vor mir her, um dann festzustellen, dass es dieses Jahr wohl doch noch zu früh ist und meine Erwartung an Mogli, mir diese Pause zum Lesen zu gönnen, wohl noch zu hoch ist.

Trotz eines sehr sorgfältig geplanten Ankommens im Urlaub, welches wir tatsächlich schon in verschiedensten Variationen getestet haben, sind die ersten Tage meistens der pure Stress für unser Nesthäkchen. Unsere imaginäre Checkliste für DEN gelungen Urlaubsbeginn, umfasst natürlich Moglis Kuscheltier zum Schlafen, ihr liebstes Kartenspiel und einige Lebensmittel für die Ankunft um erst gar keine Unsicherheit, dass zu wenig zum Essen vorhanden sein könnte, aufkommen zu lassen. Spiele, Spielsachen, Bettwäsche etc. haben wir immer hier, sodass wir nur noch unsere Anziehsachen auspacken müssen und sofort mit dem Urlaub starten könnten.  

Und doch verlangen gerade die ersten Tage uns fast alles an Ressource ab, was vom zurückgebliebenen Alltag noch vorhanden ist. Mogli braucht morgens locker zwei Stunden, bis sie zumindest halbwegs gefrühstückt hat, würde am liebsten siebenunddreißigmal die Sitzordnung verändern, um schlussendlich doch auf dem Platz ein wenig Ruhe zu finden auf dem sie immer zum Essen sitzt. Das Ganze findet je nach Wetterlage drinnen oder draußen statt. Sie kann nur sehr schwer ertragen, dass viele verschiedene Lebensmittel auf dem Tisch stehen und kommt kaum zu einer Entscheidung, was sie selbst auf ihrem Brötchen essen möchte. Von der Auswahl des Brötchens, spreche ich erst gar nicht. Zu hell, zu dunkel, zu viele oder zu wenig Körner oder wahlweise zu klein oder zu groß, sind nur ein paar der Attribute, die es ihr so unglaublich schwer machen, eine Entscheidung zu treffen. Abnehmen lässt sie sich diese allerdings auch nicht. Haben wir die erste Mahlzeit nach vielen ermüdenden Diskussionen geschafft, geht es nahezu nahtlos weiter, Zähneputzen, Waschen Anziehen, oft ein Kampf den es nicht Mals zu gewinnen gilt, viel mehr gilt es Überzeugungsarbeit zu leisten um vielleicht irgendwann aus dieser Endlosschleife ausbrechen, um entspannt in den Tag starten zu können.

Während der Ferien länger aufbleiben zu dürfen, lange draußen mit anderen Kindern zu spielen, sich nochmal zu den Erwachsenen gesellen um deren Gesprächen zu lauschen oder einfach drei Folgen der Lieblingsserie anzuschauen, war schon mein persönliches, aber auch das Highlight meiner großen Kinder und so glaubten wir, dass Mogli dieses „Ferienleben“ auch als Auszeit, von dem sonst so getakteten Alltag, empfinden würde. Selten haben wir uns jemals so getäuscht und es brauchte einige Zeit, bis ich verstanden habe, warum Mogli Urlaub und die damit verbundene Auszeit von Terminen und Taktung weder genießen noch davon zehren kann. Urlaub bedeutet für Mogli Kontrollverlust und dieser katapultiert sie ungefragt in höchste Alarmbereitschaft. Im Urlaub schlafen wir, bis Mogli uns weckt, frühstücken ausgiebig und entscheiden wozu wir Lust haben, um dann in den Tag zu starten. Die beschriebenen, morgendlichen Eskapaden gibt’s gratis dazu! Und doch geben wir jedem Tag aufs Neue, die Chance, der beste der Woche zu werden. Mit je weniger Struktur wir die erholsamen Tage erleben, desto mehr wächst in Mogli das Verlangen, diese von ihr so dringend benötigte Taktung, zu übernehmen und versucht uns regelrecht „Kontrolle“ aufzuzwingen. Aus ihrer Sicht, driften wir völlig ab und ihre gesamte kleine Welt, bricht völlig zusammen und um uns und sich selbst, vor dem offensichtlich drohenden Untergang zu bewahren, versucht sie uns in den Tag zu delegieren, diktiert, wer mit ihr die Zähne putzt, wer ihr die Mahlzeit auf den Teller gibt, möchte immer wiederkehrend, dass wir mit nicht vorhanden Tieren sprechen, oder verlangt, das Pony nebenan mit „Hallo Poldi“ zu grüßen. Auch gerne das zwanzigste Mal an einem Tag. Kontrolle spielt in diesen Tagen, die wohl größte Rolle in unserem Leben.

Berufsbedingt (mein Mann fährt während der Woche zum Arbeiten nach Hause) verbringe ich regelmäßig Zeit allein mit den Kindern im Mini Paradies, was für mich (leider) viel entspannter ist, weil wir während dieser Tage völlig aufeinander fokussiert sind und sich ein leiserer, friedlicherer Alltag einschleicht. Die große Schwester „lebt“ hier ziemlich autark, ist mit Freunden unterwegs oder zieht sich ganz Teenie-like zurück, um ihre meTime zu genießen. Somit ist Moglis Aufmerksamkeit völlig auf mich gerichtet und in dieser 1:1 Situation gestalte ich unsere Zeit, sehr reizarm, vermeide bekannte Alltagstrigger und gehe Konfrontation völlig aus dem Weg. Aufgrund meiner Erfahrung im Umgang mit ihr, weiß ich inzwischen ziemlich genau, welche Kämpfe es wert sind, sich darauf einzulassen oder welche ich einfach schlichtweg in ihrer Entstehung ignoriere. Da aber nur ich präsent bin, sieht Mogli selten Anlass überhaupt einen übers Knie zu brechen. Ich bin Moglis engste Vertraute, habe es verstanden sie „zu lesen“, erkenne ihre feinen Signale und weiß ziemlich genau, was grade geht oder eben nicht. Trotz dieser emotionalen Nähe und ihrem Vertrauen mir gegenüber, schlägt sie es mir regelmäßig um die Ohren. Dann nämlich, wenn diese Vertrautheit „gestört“ wird. Wenn mein Mann zu uns stößt und allein seine körperliche Anwesenheit, Mogli völlig aus unserer Ellipse katapultiert und eben zwei Menschen, einer zu viel für sie sind. Versteht das nicht falsch! Mogli liebt ihren Papa sehr und es würde überhaupt keinen Unterschied machen, wenn wir die Rollen tauschen würden. Mogli schafft es nicht, sich mehr als auf eine Person einzulassen und sich damit vollauf sicher zu fühlen. Noch jedenfalls nicht! Vielleicht bald. Oder irgendwann.

Bis zu diesem Tag gilt es einen Weg zu finden, der für uns alle gangbar ist, denn die Gefahr sich in diesen schwierigen, extrem belastenden Situationen, selbst oder gar als Paar zu verlieren, ist ziemlich groß und ehrlicherweise ist Mogli einer der größten Streitpunkte in unserer Ehe. Nicht weil sie bei uns ist. Sondern weil sie uns regelmäßig an, und weit über unsere Grenzen hinausführt. Weil pädagogische Maßnahmen oft nicht greifen und es Stellen gibt, an denen man einfach nicht weiterkommt. Sie schafft es, wie kein anderer, uns in Rekordzeit von Null auf Hundert zu treiben und wir entladen unseren Frust, in dem wir darüber streiten, was jetzt besser bzw. konstruktiver wäre oder sein könnte.

Ich müsste lügen, würde ich behaupten, noch nie darüber nachgedacht zu haben, ob wir getrennt, besser für sie sorgen könnten, doch das ist Gott sei Dank überhaupt keine Option! Wir müssen einfach noch besser auf uns aufpassen, müssen lernen mit Mogli strikt auf einem gemeinsamen Pfad zu laufen und uns dabei gegenseitig Raum zum durchatmen zu schaffen. Dank unseres Elterncoachings haben wir, den für uns wohl allerwichtigsten Leitsatz in Konfliktsituationen mit Mogli erarbeitet: „Wer am Kind ist, bleibt am Kind! Es sei denn, er/sie bittet um Hilfe!“ Und nur dann schreitet der jeweils andere ein. Ein Satz, der so leicht und doch viel mehr in sich birgt, als es auf den Blickt scheint. Gerade, wenn man es mit so einer kleinen Kontrollfanatikerin wie Mogli, aber auch mit mir zu tun hat.

Wenn Mogli also gerade ihren Budenzauber abhält, wenn mein Mann versucht sie Bettfertig umzuziehen und zu waschen, halte ich mich zwar in der Nähe, nicht aber in Sichtweite auf, um Mogli keine Gelegenheit zum switchen zu geben und doch, helfend eingreifen zu können, wenn mein Mann mich darum bittet. Oder eben umgekehrt. Speziell abends, nach einem vollen oder anstrengenden Tag, kostet es uns oft einige Nerven, um nicht vollends die Geduld zu verlieren, denn es braucht jeden Tag, klare Absprachen, vor jedem Geschäft eine kurze Ansprache, und nach jeder Aktivität ein kurzer Plan wie es weitergeht um Mogli nicht „Luftleer“ hängen zu lassen. Einem gesund gebundenen Kind muss man nicht explizit sagen, dass es nach dem Einkauf nach Hause geht, für ein gesund gebundenes Kind, spielt es überwiegend keine Rolle, wenn man doch noch kurz einen Schlenker zum nächsten Drogerie Markt fährt. Für ein sicher gebundenes Kind spielen Abweichungen vom Alltag meistens nur eine unbedeutende Rolle und auch ein Urlaub wird, nach kurzer Eingewöhnung zur erholsamen Kraftquelle.

Warum wir uns all das „antun“? -Weil Mogli nicht nur nimmt! Sie hat so unglaublich viel zu geben, bringt uns gleichermaßen zum Lachen vor Freude und treibt uns doch so sehr in den Wahnsinn, dass man sich als völliger Versager vorkommt. Weil wir in unserem Rahmen, eine völlig normale Familie sind und uns nicht an den Rand einer Gesellschaft begeben möchten. Wir möchten am Leben teilhaben, unsere Kinder zu empathischen Mitmenschen erziehen und ihnen glaubhaft nahelegen;

MIT LIEBE GEHT DAS!!!


4 Kommentare zu „Urlaub mit Mogli”

  1. Margot sagt:

    Danke für deinen ehrlichen Beitrag. Wir haben auch eine Pflegetochter, knapp zwei Jahre, und sie ist zwar sehr anhänglich aber bis jetzt würde ich sagen alles im „normalen“ Bereich. Sie ist auch schon mit zwei Monaten zu uns gekommen und war vorher bei einer krisenpflegefamilie. Vom Gefühl her würde ich sagen, sie ist gut gebunden… ein Glück für sie, dass sie nicht wie mogli soviel durchmachen musste. Ich habe den größten Respekt für euch und freue mich so für mogli, dass ihr da seid…
    Ich habe beruflich mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen bzw Pflegekindern gearbeitet. Ich weiß um die Not dieser Kinder. Vermutlich auch ein Grund selbst pflegemama zu werden. Ich kann daher nur nochmals sagen: es ist großartig wie ihr das macht und ich wünsche euch alles gute und viel Durchhaltevermögen!! Liebe Grüße, Margot

  2. Christiane sagt:

    Wie immer toll geschrieben 😊 und wie wahr wir finden uns da auch wieder 😅 selbst Ferien zu Hause sind mit Stress behaftet weil kein Alltag vorhanden ist 😞 aber auch wenn man manchmal denkt Hilfe wie soll das weitergehen mit viel Liebe geht alles 💖 und um nichts in der Welt würden wir unsere Motte wiederhergeben so schwer der Weg auch manchmal ist aber man weiß wofür man kämpft LIEBE KENNT KEINE DNA 💗💗💗

    1. Vanessa Kratz-Müller sagt:

      Oh ja ♥️ und irgendwann wird es ganz bestimmt leichter 🙈🙏🏻

  3. Victoria sagt:

    DAS ist gelebte Herzenskinderliebe❤. Selten hat mich ein Beitrag so berührt und ich mag mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ihr euch nicht gefunden hättet.

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