Weihnachtsgeschenke

wenn Kinder zwei Familien haben

An anderer Stelle, in einer größeren Runde von Pflegeeltern wird seit einigen Tagen sehr heftig darüber diskutiert, ob es nun richtig oder falsch ist, den leiblichen Eltern unserer Kinder etwas zu Weihnachten zu schenken oder nicht. 

Ein offensichtlich, sehr emotionales und zweischneidiges Thema, welches ich heute aufgreifen und meine Haltung dazu mit euch teilen möchte.

Zunächst einmal glaube ich, in dieser Frage gibt es kein richtig oder falsch. Oder kein, wie schlimm oder weniger schlimm darf die Geschichte eines Kindes sein, so dass es zu einer Herausnahme aus der leiblichen Familie kam und deshalb dazu befähigt zu bewerten, ist ein Geschenk angebracht oder eben nicht?

In dieser bereits erwähnten Gruppe heißt es überwiegend:

„Wenn mein Kind nicht selbst den Wunsch äußert, seinen Erzeugern etwas schenken zu wollen, sehe ich überhaupt nicht ein, mich darum zu kümmern oder mein Kind darin zu unterstützen, ein passendes Geschenk zu organisieren!“

Oder auch:

„Was die leiblichen Eltern, meinem Kind angetan haben, das war so schrecklich und ist so unverzeihlich, dass ich überhaupt niemals auf die Idee käme, denen etwas zu Weihnachten zu schenken!“

Nur sehr Wenige räumen ein, entweder eine Kleinigkeit zu basteln, aktuelle Fotos oder etwas kleines Gekauftes an die Herkunftseltern zu verschenken.

Umstände, die mich sehr nachdenklich aber auch traurig Stimmen, die ich trotzdem sehr gut nachvollziehen kann. -Obwohl ich es völlig anders sehe!

Mogli würde niemals von selbst auf die Idee kommen, ihrer leiblichen Mutter etwas zu Weihnachten schenken zu wollen. Weil sie für sie kaum präsent ist. Nie wirklich eine tragende Rolle als Bindungsperson gespielt hat und sie sie inzwischen viel zu selten sieht! Leise Erinnerungen, die Mogli kaum positiv abgespeichert hat, lassen uns während jedes Besuchskontakts, wie auf rohen Eiern balancieren, um diese zarte und doch so wichtige Wurzel ihrer Herkunft zumindest einigermaßen gedeihen zu lassen.

Ich bin ziemlich sicher, unser Umfeld und viele Menschen mehr, hätten Verständnis, würde ich sagen, dass ich ihr keinesfalls etwas schenken würde.

Und doch ist meine Haltung dazu eine völlig andere!

Wie kann Mogli jemals von selbst auf die Idee kommen, ihrer leiblichen Mutter ein Geschenk zu basteln, wenn alles an meiner Haltung, Abneigung signalisieren würde? Wie könnte Mogli jemals mit ihrer Biographie ins Reine kommen, würde ich sie ignorieren oder gar verleugnen.

Wir schenken Moglis leiblicher Mutter jedes Jahr etwas zu Weihnachten. Von Anfang an!

Jedes Jahr etwas Anderes. Zum Beispiel etwas Gebackenes, ein bunt bemalter Handabdruck aus Salzteig, ein von Mogli gemaltes Bild auf Leinwand oder auch ein aktuelles Foto, schön eingerahmt. Sie bekommt immer ein Geschenk, an dem Mogli mitgewirkt hat und Mogli weiß auch im Voraus, für wen sie es gestaltet.

Ich lege sehr viel Wert darauf, dass sie persönliche Dinge von Mogli bekommt! Und noch mehr Wert lege ich darauf, dass Mogli meine Botschaft und meine Haltung dazu erlebt.

Mogli darf und ja sie soll wissen, dass ich ihrer Mutter mit Wertschätzung begegne und vor allem sollte Mogli niemals denken, sie dürfe nicht den Wunsch äußern, nach ihren Wurzeln zu fragen.

Wir sind vermutlich noch sehr lange nicht an dem Punkt, dass Mogli Fragen stellt oder sie sich mit ihrer Geschichte und ihrem Erlebten auseinandersetzen kann. Auch realisiert sie kaum, dass nicht ich ihre Mutter bin. Für sie bin ich ihre Mama auch wenn wir seit Jahren Biographiearbeit mit ihr machen, ihr häufig Bilder ihrer ersten Lebenswochen zeigen und regelmäßige Besuchskontakte wahrnehmen.

Aber Mogli weiß, wenn es soweit sein sollte, dass sie sich bedenkenlos an mich wenden kann und ich ihr urteilsfrei Antworten liefere! Ich habe ihre Biographie in vielen Gesprächen (für mich) aufgearbeitet, sie niedergeschrieben, sie wieder und wieder gelesen. Ich habe sie von Anfang an, auch in altersentsprechende Worte „verpackt“ und sie Mogli schon im Säuglingsalter vorgelesen.

Schon während der Vorbereitungsseminare, hörten wir durch eine sehr angesehene Bindungstherapeutin, wie wichtig es sei „unseren“ Kindern, den Schrecken ihrer eigenen Vergangenheit zu nehmen. Durch immer wiederkehrende, gleichbleibende „Geschichten“, immer mit einem glücklichen Ende, verlieren sie unterbewusst die Ängste ihrer Erlebnisse. Selbst wenn sie, diese vermeintliche Geschichte nicht bewusst übertragen können, bleibt es zumindest nicht unausgesprochen. Ich habe Moglis ganz persönliche Geschichte vor sechs Jahren, nach dem Leitfaden der Therapeutin geschrieben und bin dieser klugen Frau heute noch sehr dankbar, für ihre Ratschläge von damals.

Sie hat meine Haltung, Moglis Mutter gegenüber, einen völlig neuen Rahmen gegeben! -oder besser gesagt, sie hat überhaupt erst dafür gesorgt, dass ich eine Haltung habe und diese auch Mogli vorlebe!

Ich kenne die Lebensgeschichte von Moglis Mutter nicht! Ich weiß nicht warum oder weshalb es in ihrem Leben so schiefgelaufen ist, dass alles so kommen musste, wie es gekommen ist. Ich bin nicht für sie verantwortlich.

Ich bin auch nicht für Moglis Vergangenheit verantwortlich. Ich kann ihre Geschichte, die sie zu uns führte nicht verändern. So sehr ich mir für sie wünsche, nicht mit ihren traumatischen Belastungen leben zu müssen, so sehr gehört es zu uns.

Maßgeblich wichtiger als all das ist doch; nur deshalb ist sie bei uns.

Wie könnte ich ihre Mutter aufs äußerste verurteilen, wo ich doch zutiefst dankbar bin, dass Mogli den Weg zu uns fand?

Ganz sicher klatsche ich keinen Beifall und verstehe es teilweise bis heute nicht, warum, weshalb, wieso es in manchen Familien dazu kommen konnte und es passieren teilweise sehr schreckliche Dinge mit Kindern, die es unbedingt zu schützen gilt. Auch schützen, vor ihren Eltern! Von diesen Familien spreche ich nicht.

Ich kann nur für „unsere“ leibliche Mutter sprechen. Ich kann sie nicht verstehen, aber ich verurteile sie nicht! Ich bin ihren Weg nicht gegangen und habe nicht erlebt, was sie erlebt hat!

Was ich aber weiß ist, dass ich mir nicht vorstellen möchte, wie sie sich wohl fühlen mag, wenn wir gemeinsam in einem Café sitzen, Mogli sie überhaupt nicht wahrnimmt, mich ihre Mama nennt, irgendwann mit mir an der Hand den Raum verlässt, um nach Hause zu fahren. Ich habe großen Respekt vor ihr, dass sie das für Mogli leistet. Dass sie sich diesen Situationen aussetzt. Dass sie immer und immer wieder die Kraft aufwendet, um wieder und wieder allein zurückzubleiben!

Sie ist ein Teil von uns. Wird es immer sein, denn …


…sie ist die Mutter meiner Tochter!

PS:

Ich habe für uns die Perspektive verändert! Ich warte nicht darauf, dass Mogli selbst den Wunsch äußert, ihr etwas zu schenken!

Ich werde es ändern, wenn Mogli sich von selbst äußert, ihr nichts mehr schenken zu wollen! Bis zu diesem Tag unterstütze ich sie, ihrer Mutter mit Wertschätzung zu begegnen.


Ein Kommentar zu „Weihnachtsgeschenke”

  1. Judith sagt:

    Sehr schön geschrieben! Wir versuchen es ähnlich zu handhaben. Würdest du den Leitfaden, von dem du sprichst, zur Verfügung stellen? Ich spreche zwar auch immer über die selbe Geschichte, es aber nach einem Leitfaden zu verschriftlichen macht tatsächlich sehr viel Sinn.
    Liebe Grüße

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