Wenn Kinder keine Worte haben

Traumatische Erfahrungen in einem Alter, in dem das Kind selbst noch keine Worte dafür hat.

Ein Satz, den ich erst einmal so stehen lassen möchte. Er wird sich mit diesem Beitrag von selbst erklären.

Viele Menschen glauben, je jünger ein Kind ist, desto weniger bekommt es mit, desto weniger wird es belastet.

Auch wir werden oft gefragt:

„So Schlimmes kann Mogli doch nicht erfahren haben, dass sie bis heute darunter leidet. Sie war doch noch viel zu klein um das zu erfassen?!“

Mogli war zarte drei Wochen jung, als sie erstmalig, im Rahmen der Bereitschaftspflege, bei uns einzog. Sie erlebte drei Wochen, nach ihrer Geburt, ihren zweiten Bindungsabbruch innerhalb kürzester Zeit. Sie wurde vom Jugendamt in Obhut genommen und ich holte sie dort ab.

Auf Einzelheiten, warum es zu der Inobhutnahme kam, kann und möchte ich nicht im Detail nicht eingehen. Aber wenn es zu einer Inobhutnahme eines Kindes kommt, liegen hinreichende Gründe vor. Immer! -und Mogli ging es nicht gut, dort wo sie war.

Wenn wir jetzt die Augen schließen und uns ein kleines, drei Wochen junges Babymädchen vorstellen, was in seinem Bettchen liegt und vermeintlich friedlich schläft, es unverhofft an der Türe klingelt, es nur wenige Minuten dauert und eben dieses Baby sich plötzlich in einer fremden Babyschale, in einem fremden Auto, mit noch mehr fremden Menschen wiederfindet. Was glauben wir, geht in diesem Babymädchen vor?

Einige Babys werden lauthals schreien und ihren Unmut über dieses erschreckende Erlebnis kundtun. Eine sehr gesunde Reaktion. Sie spüren instinktiv, irgendetwas stimmt nicht und teilen dies ihrer Umwelt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, mit und verlangen „gefälligst eine Erklärung“.

Mogli gehört nicht zu diesen Kindern. Sie schlief. Die ganze Zeit. Stundenlang. Und das nicht, weil sie zeigen wollte, was für ein „liebes, angepasstes“ Baby sie doch sei. Sie hatte ihren, ich nenne es „Energiesparmodus“ eingeschaltet. Sie schraubte ihren Organismus, ihren gesamten Stoffwechsel so weit herunter, wollte nicht mehr gesehen oder gehört werden um mit dieser Taktik, möglichst lange zu überleben! Vermutlich mit ihren Erfahrungen, eine ebenso gesunde Reaktion, wie diese, die das lauthals schreiende Baby zeigte.

Letztlich spielt es nur eine untergeordnete Rolle, welche Reaktionen ein Baby, oder ein Kind zeigt. Viel wichtiger ist das Gefühl, was es während seiner Erfahrungen verknüpft und wie wir Erwachsenen damit umgehen.

Ein Säugling weiß nicht, wie dolle der Bauch schmerzen muss, bis es vor Hunger stirbt. Ein Baby weiß nicht, dass wir uns selbst, fünf Minuten Zeit gegeben haben, bevor wir zum Trösten ins Zimmer kommen. Ein Kind weiß nicht, wie sehr es nach Schlägen schmerzen muss, dass es lebensbedrohlich sein könnte.

Kinder wissen so etwas nicht!

Kinder verlassen sich auf ihr Gefühl! Und sie erwarten von uns, dass wir ihre Abhängigkeit erkennen und ihre Gefühle ernst nehmen. Erst recht, wenn es hierbei um Angst geht.

Es ist ein Irrglaube, dass wir Kinder zu sehr verwöhnen, weil wir sie ständig tragen! -wenn für sie der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werden sie laufen. Es ist ein Irrglaube, dass unsere Kinder, für immer im Elternbett schlafen werden, weil wir sie im Baby und Kleinkindalter haben bei uns schlafen lassen. Es ist ein Irrglaube, dass unsere Kinder sich niemals abnabeln werden, weil sie zu lange gestillt wurden. -Sie werden essen und auch irgendwann in ihren Betten schlafen. Ganz sicher und ganz von allein, wenn sie sich bereit dazu fühlen.

Mogli hatte also in ihren jungen Tagen schon die Erfahrung gemacht, schreien lohnt sich nicht. -Verhalte Dich ruhig, so lange wie es geht um so wenig Energie, wie irgendwie möglich „zu verschwenden“

Welches Gefühl hat sie wohl in dieser Zeit geprägt?   Schmerz? Angst? Hunger? Kalt? Einsamkeit? -Wir werden es letztlich nie erfahren!

-Mogli hatte in dieser Phase ihres Lebens keine Worte für all dies und wir können es nur erahnen. Sie hat es gespürt. -und spürt es manchmal bis heute, wenn sie durch Gerüche, Geräusche oder unbewusst, erlebtes getriggert wird.

Ihr Urvertrauen wurde so sehr erschüttert, dass ihr körpereigener Schutzmechanismus, sie jahrelang dazu zwang, wann immer sie -Schmerz, Angst, Hunger, Kälte oder Einsamkeit erlebt, zu dem Verhaltensmuster zurückspringt, der sie beschützt hat. Sie beamt sich in eine andere Welt. Weit abseits von unserer.

Es war ihre sichere Überlebensstrategie. Besuchskontakte, Arztbesuche, Familienfeiern oder Besuche; alles was sich nicht in ihrer später gewohnten Umgebung abspielte, veranlasste sie zum „abschalten“.

Diese Jahre haben ihr und uns einiges an Entwicklungszeit abverlangt und es brauchte sehr viel Geduld.

Nach der gescheiterten Rückführung dauerte es viele Monate, bis Mogli zu einer „gesunden“ Ruhe fand, sich auf Nähe und Spielsituationen einlassen konnte und sich beispielsweise traute, ihr Köpfchen zu heben. Einer meiner ersten und schönsten Schlüsselmomente war unser erster Schwimmbadbesuch mit ihr. Mogli war etwa neun Monate und bewegte zum ersten Mal, wild rudernd und strampelnd ihre Ärmchen und Beinchen und zeigte Ansätze von Glück und Freude. Ich sehe mich noch heute am Beckenrand stehen. Weinend vor Glück.

Ich muss jetzt einen kleinen Sprung machen, -sonst wird der Beitrag ein ganzes Buch 😉

Mit unserer weltbesten Reittherapeutin stehe ich im regelmäßigen Austausch, wie es aktuell läuft, was für Mogli wichtig sein könnte, einfach was gerade dran sein könnte. -Ich berichtete ihr also ein paar Tage vor unserem wöchentlich anstehenden Termin, von dem Seminar, dass ich am Wochenende zuvor besucht hatte und von der Schuleingangsuntersuchung, die Mogli gerade hinter sich hatte. Sie hat ihr aller bestes gegeben und für mein Mutterherz, so unendlich viel richtig gemacht. Aus schulischer Sicht leider nur sehr wenig, weil sie, entweder die Aufgabenstellung nicht wirklich verstanden hatte oder zu wenig Zeit fürs Erfassen der Aufgaben hatte (-so schade, dass diese Eingangsuntersuchungen aus behördlicher Sicht sein müssen! -Ich hätte es ihr von Herzen gerne erspart)

Die Reittherapeutin versprach mir, sich etwas zu überlegen um Mogli ganz behutsam ans Lernen heranzuführen.

Mogli braucht, um sich auf Neues einlassen zu können, viel Sicherheit.

Nach fast zweieinhalb Jahren mit regelmäßigen Besuchen auf dem Therapiehof, ist zwischen Mogli, den Pferden und ihrer Reittherapeutin ein sehr festes Band des Vertrauens gewachsen. Egal wie schwierig der Tag, wie anstrengend die Woche war, wir betreten den Hof und Mogli blüht völlig auf. Dort wird sie nicht auf ihre Herkunft reduziert, darf sein wer sie ist und niemand hat zu hoch gesetzte Erwartungen an sie.

Mit der Erkenntnis, dass verknüpfte Gefühle für erlebte Situationen, eine tragende Rolle in ihrem gesamten Tagesablauf spielen, Mogli vom „richtigen“ Gefühl abhängig macht, ob sie sich selbst etwas zutraut, auf Konfrontation geht oder sich auf Dinge einlässt, daran wollte die Reittherapeutin anknüpfen.

Sie schrieb ein großes A mit Straßenkreide auf den Boden im Hof und lautierte diesen etwas übertrieben, mit weit geöffnetem Mund.  AAAAAAAAA! Sie erklärte Mogli, dass so der Buchstabe A aussieht und man ihn daran erkennt, dass der Mund dabei immer weit geöffnet ist. Wir wollten natürlich schauen ob Moglis Mund sich ebenso weit öffnet, wenn sie AAAAAA sagt. Sie probierte es aus und freute sich wie eine Schneekönigin, dass es auch bei ihr so war! Wir gingen auf dem ganzen Hof (Mogli auf ihrem Pferd), auf die Suche nach AAAAA Wörtern.

AAAAmeisen, AAAApfel, AAAAugen, AAAAnanas und sogar eine AAAAmpel …-all diese Dinge fand Mogli und strahlte über ihr ganzes Gesicht, dass sie so viele Dinge gefunden hatte. Natürlich nannte sie auch andere Dinge und brauchte hin und wieder Hilfestellung bzw. die Erinnerung, dass der Buchstabe AAAA heißt und er immer mit weit geöffnetem Mund gesprochen wird.  Wir wiederholten immer und immer wieder, in ganzen Sätzen, AAAAmeise fängt mit weit geöffnetem Mund an, weil der Anfangsbuchstabe AAAA heißt. (Mein Kiefer schmerzt übrigens heute noch 😉)

Es war schon nach relativ kurzer Zeit tatsächlich sichtbar, dass Mogli das geschriebene A, mit dem Gefühl, den Mund so weit geöffnet zu haben und mit dem Laut, wenn sie den Buchstaben ausspricht, verknüpft hat… Wir haben vorher monatelang geübt, ihren Namen zu schreiben. Sie konnte es nach vielem Üben. Wir haben natürlich die Buchstaben ausgesprochen, sie vorgeschrieben, wiederholt und nochmal vorgeschrieben…sie hat es auswendig gelernt, konnte aber keinen Buchstaben wiedererkennen, benennen oder gar freischreiben, wenn ich sie bat, ein I zu schreiben. Es verknüpfte sich nichts. Weil ihr das Gefühl dazu fehlte. Das wissen wir heute. Für mich ist es atemberaubend, mit Mogli einkaufen oder spazieren zu gehen und zu beobachten, wie sie sich eigenständig Wörter vorspricht und ganz plötzlich, mit strahlenden Augen vor mir steht und mir voller Glück, entgegenruft: „Mama, guck mal, da steht ein AAAAAnhäger. Das fängt mit AAAA an, siehst Du? -Weil mein Mund gaaaaanz weit offen ist!“

Das Glück hat einen Namen. Eigentlich hat es ganz viele; AAAA, Mogli und beste Reittherapeutin sind nur drei davon.

Ich bin nun auf der Suche nach Literaturempfehlungen, Schulungsansätzen oder alles, was hilfreich sein könnte, diese neuen Erkenntnisse in unseren Alltag zu übertragen. Ich bin für jeden Ratschlag dankbar und freue mich wahnsinnig über Euren Feedback.

Danke, Eure Vanessa


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