Mein Leben mit Pflegegeschwistern

Glück im Unglück
Hallo, mein Name ist Jessica, ich bin 37 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Jungen (14,12 & 2 Jahre) und von Beruf Erzieherin.
Ich bin die Älteste von sechs Kindern, habe einen leiblichen Bruder, der 14 Monate jünger ist und vier Pflegekindergeschwister.
Ein komisches Wort, was ich gar nicht so gerne benutze. Für mich sind es einfach meine Geschwister.
Als große Schwester versuche ich mal einen Einblick in das Leben mit Pflegekindern/Bereitschaftspflegekindern zu geben.
Alles begann mit Ihrem Herzen für die Waisen.
Bevor meine Eltern eigene Kinder hatten, stand für sie schon immer fest, dass sie anderen Kindern ein zu Hause geben möchten.
Meine Mutter machte damals ein Praktikum ihm Kinderheim und wusste sofort das sie diesen Kindern eines Tages irgendwie helfen
möchte. Eine Ausbildung zur Erzieherin wurde ihr damals verwehrt.
Ihre Anfänge in meinen jungen Jahren:
Doch bevor das erste Pflegekind bei uns einzog haben meine Eltern Tagespflege und Kurzzeitpflege gemacht und merkten schnell das sie ein Kind ganz bei sich aufnehmen wollten. Ich war damals fünf, als das erste Pflegekind mit zwei Jahren zu uns kam.
Wir haben ihn damals aus einem Kinderheim abgeholt. Drei Jahre später nahmen wir noch einen Dreijährigen Jungen bei uns auf. Gebracht hatte uns den Kleinen eine Mitarbeiterin von Jugendamt. Sie setzte ihn auf den Rasen und fuhr dann genauso schnell wie sie
gekommen war auch schon wieder davon. Am darauffolgenden Tag sind wir dann zu sechst in den Urlaub gefahren.
Der ganz normale Familienwarnsinn
Wir waren dann eine Zeitlang vier Kinder zu Hause. Ich mit meinen drei Brüdern. Auf der einen Seite war es toll das einzigste Mädchen zu sein, aber oft war ich neidisch auf meine Brüder weil mein Papa mehr Zeit mit ihnen verbrachte und all die coolen Sachen machte,
die man mit Jungs eben so macht. Natürlich gab es auch Zeiten mit Zank und Streit aber dank der pädagogischen Fähigkeiten meiner Eltern aber auch mit viel Vertragen. Die häufigsten Sätze, die mein junges Herz damals rief waren „Geh mir nicht auf den Wecker!“
und „Raus aus meinem Zimmer!“ Eben der ganz normale Wahnsinn unter Geschwistern. Wir sind zusammen in Urlaube gefahren, haben Geburtstage gefeiert, sind Hobbys nachgegangen und haben im Haushalt Aufgaben übernommen. Aus meiner Sicht völlig normal in einer Großfamilie.
Ihre Geschichten wurden zu unserer
Der Unterschied ist und war, dass wir immer wussten, das die beiden Kinder auch noch andere Eltern hatten. Sie hatten auch regelmässige Besuchskontakte, meistens mit der Mutter, die auch bei uns zu Hause stattgefunden haben. Meinen Eltern war es wichtig, den
leiblichen Eltern ohne Vorwürfen oder Vorbehalte zu begegnen und sie wissen zu lassen in welchem Umfeld ihre Kinder aufwachsen. Das ist nicht immer möglich und oft fanden Besuchskontakte auch an einem neutralen Ort statt. Ihre Familien mit ihren Geschichten,
wurden auch Teil unserer Geschichte. Meine Eltern waren immer sehr bemüht alle Kinder gleich zu behandel und die nötige
Aufmerksamkeit zu geben. Auch gab es mal exklusiv Zeit mit nur einem Elternteil.
1995 hat das Jugendamt hier vor Ort mit einer weiteren Familie die Bereitschaftspflege ins Leben gerufen, vor allem für Kinder unter Drei Jahren. So kam es das ein 5 jähriges Mädchen bei uns einzog, deren Zukunft lange ungeklärt und offen war. Sie ist aber, zum Glück als Dauerpflegekind geblieben und wurde so zu meiner Schwester. In meinem sechzehnten Lebensjahr bekamen wir einen 6 Wochen alten Säugling. Der
Kleine Junge hatte in seinen wenigen Tagen schon jeden erdenklichen Entzug hinter sich. Er war am verhungern, hatte Kopfverformungen vom einseitigen Lagern und er war mehr als nur dreckig.
Sein Glück war, dass das Jugendamt ihn in unsere liebevolle Familie gab.
Ich möchte dieses Schicksal erwähnen, weil Pflegekinder/Bereitschaftspflegekinder immer mit ihrem ganz eigenen Rucksack von Erfahrenungen und Erlebnissen kommen. Und glaubt mir bitte, egal wieviel liebevolle Obhut sie in einer anderen Familie bekommen,
sie sind gebrandmarkt und das prägt auch jeden Teil der Pflegefamilie. Der kleine Junge ist nach langem hin und her auch als Dauerpflegekind geblieben. Seit 1995 haben immer wieder Kinder/Säuglinge einen Zwischenaufenthalt bei uns gehabt. Mal für 4 Wochen, mal 6 Monate oder auch länger. Insgesamt haben ca. 20 Kinder unsere Familie „durchlaufen“.
Mein Leben als Drahtseilakt
Wie war das nun für mich?
Was ich nachfolgend schildere kann ich heute aus einer reflektierten und aufgearbeitet Sichtweise wiedergeben.
Ich hatte oft das Gefühl nicht gesehen zu werden. Meine Gefühlen und Sorgen sahen im Vergleich zu Ihren sehr klein aus. Das vermittelte mir, dass sie nicht ernstgenommen werden. Ich fühlte mich streckenweise unter Druck „funktionieren“ zu müssen, damit nicht
alles auseinander fiel. Besonders dann wenn meine Eltern an ihre Grenze kamen.
Am Schlimmsten war die Zeit für mich in der Pubertät, wo ich auf der Suche nach mir selbst war und mich oft alleine fühlte.
Ich brach aus, suchte Anerkennung und wollte als junge Frau gesehen werden.
Viel Verantwortung
Natürlich, es war immer was los, man hatte immer einen zum Spielen, hatte tolle Urlaube, sind öfters Umgezogen, Kinder brauchen ja Platz.
Doch es gab auch Zeiten, wo ich gerne meine Eltern nur für mich gehabt hätte, keine Rücksicht auf kleine Geschwister genommen hätte. Als große Schwester fühlte ich mich verantwortlich das es allen gut geht, vor allem meiner Mutter. Mir wurde diese Rolle (der verantwortungsbewussten großen vorbildfunktionierenden Schwester) nicht von ihnen auferlegt, das habe ich selbst getan. Ich hab mich viel um die kleinen gekümmert und im
Haushalt geholfen. Doch mit Problemen, Sorgen, Ängsten bin ich selten zu meinen Eltern gegangen, die hatten ja schon genug Sorgen.
Regelmäßig beklaute einer meiner Brüder meine Mutter, klaute alle Sparbücher, hortete Essen unterm Bett und machte mit 14 Jahren ne Spritztour mit dem Auto von Freunden. Es wurde sogar so schlimm, dass er zu Hause nicht mehr tragbar war und in eine Jugendhilfeeinrichtung musste, später sogar in die JVA. Jetzt könnte man sagen, wie kann man nur ein Kind abschieben, aber dieser kleine Junge, mit seinen 2 Jahren hatte schon so schlimme Dinge erlebt, das ein aufwachsen in einer liebevollen Familie einfach nicht ausreichte und auch nicht genug professionelle Arbeit
geleistet werden konnte, um das zu verhindern. Sein familiäres Erbe kam besonders in seiner Pubertät hervor.
Ich war zu dieser Zeit für ein Jahr in den USA und machte mir schwere Vorwürfe, nicht genug getan zu haben.
Von Außen belächelt
Wir waren immer die mit den vielen Kindern, auch oft assozial genannt. Meine Kusine durfte nicht mit uns spielen, wegen den „fremden Kindern“. Viele haben das nicht verstanden, wie man fremde Kinder bei sich aufnehmen kann. Wir waren irgendwie anders, aber da standen wir drüber, denn wir waren immer eine Familie.
Befähigt durch meine Vergangenheit
Mir fiel Abnabeln ganz besonders schwer und ich habe lange gebraucht zu wissen wer ich bin und was ich will. Ich will nicht sagen das dies direkt und ausschließlich mit den Pflegekindern in Zusammenhang steht. Doch jeder trägt seine Vergangenheit wie ein Päckchen, was unbestritten Auswirkungen auf das jetzt und hier hat. Hinzu kommt noch, dass meine Eltern vom Jugendamt aus mehr schlecht als recht
vorbereitet und begleitet wurden. Oft wurden sie in ihrem guten Willen mit ihren Sorgen und Problemen allein gelassen.( Mir ist bewusst das sie auch nur Menschen sind, oft unter Personalmangel leiden und viel zu viele Fälle bearbeiten müssen). Ich habe viele traurige, wütend machende Schicksale von Kindern gehört und erfahren was diese für Auswirkungen haben können, egal wie sehr man sich bemüht alles richtig zu machen. Heute kann ich ihre und unsere Situation realistisch bewerten. Wir machen als Eltern/Pflegeeltern nicht alles richtig und das müssen wir auch gar nicht, weil wir auch „nur“ Menschen sind. Wichtig ist, dass wir unsere Fehler erkennen, eine Familienkultur der Vergebung pflegen und lernen es besser zu machen.
Auch wir wollen als Familie, Kindern ein zu Hause auf Zeit geben und wer weiß vielleicht ja auch für immer. Ich möchte aus meinen Erfahrungen und den Erfahrungen meiner Eltern profitieren und das Beste rausholen für ein Leben mit und für Kinder.
Mein Leben mit Pflegekindern, hat mich empatisch und großherzig werden lassen.
Leider haben wir in all den Jahren wenig gute Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht, weshalb wir uns für einen freien Träger entschieden haben mit dem wir zusammen arbeiten möchten.
Abschließend möchte ich noch sagen, das ich nichts aus meinem Leben, meiner Kindheit streichen möchte oder ungeschehen. Es macht mich zu der Frau die ich heute bin. Ich mache meinen Eltern in keinster Weise Vorwürfe oder mache sie dafür Verantwortlich das es Zeiten in meinem Leben gab in den ich still vor mich hin gelitten habe. Es war und ist gut seine Vergangenheit „auf zu räumen“.

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