Gastbeitrag von Mama und Hebamme, Wibke

Meine bisher bewegendste und auch bewegteste Zeit war meine Ausbildung zur Hebamme, in München. Drei Jahre, die intensiver und fordernder nicht sein konnten. Auch wenn mich heute die Verantwortung manchmal schier erdrückt und ich mich zurück in die „schöne“ Ausbildung sehne, so angenehm wie jetzt, war diese Zeit sicher nicht.

Besonders bewegt haben mich die Zeiten auf der Neo-intensiv und im Kinderzimmer.

„Wisst ihr noch was ein Kinderzimmer für eine Station ist?“

In meiner jetzigen Arbeitsstelle fragen mich meist ältere Damen danach, denn eigentlich entspricht das nicht der neuesten Forschung, die Pflege von Müttern und ihren Kindern zu trennen, erst recht nicht nachts.“

Aber damals in München gingen die Uhren einfach noch anders und das passte halt irgendwie auch in dieses denkmalgeschützte Gemäuer.

Morgens „flogen“ die Hebammenschülerinnen aus und holten Kinder aus den Wöchnerinnenzimmern, die oft verteilt auf drei Stockwerke im ganzen Haus zu finden waren.

Das Geräusch der alten Kinderbetten, von denen jede Schülerin meist zwei bis drei schob oder zog, erinnerte mich schon damals an zusammengeschobene Einkaufswagen, die auf einem Supermarktparkplatz hin und her geschoben werden.

Ganz besonders in Erinnerung ist mir die „förmlich schmeckbare Stimmung“, wenn etwas besonderes passiert war, geblieben. Es gab da eine ältere Kinderkrankenschwester, kinderlos und fast nur im Nachtdienst tätig, die ich, wenn ich zum Frühdienst kam eigentlich immer mit einem Kind im Arm sah.

Eines Morgens im Winter – es war mein erstes Jahr – saß sie wieder mit einem Baby da als sie sagte:

„Die kleine Maus ist zur Adoption frei gegeben!“

 

Was!? Echt! Oh mein Gott. Wer gibt so einen süßen Knopf einfach auf?
Wir müssen ihr ganz viel Nähe und Sicherheit vermitteln, wer weiß wann
sie Eltern bekommt.

 

 

Früher gab es kaum genug Adoptiveltern. Da war es ungewiss, ob und wann diese Kinder überhaupt eine Familie bekommen würden.

Heute, in Zeiten von Abtreibung (für die mein Frauenarzt im übrigen als Privatisierung mehr verlangt, als die Kasse für die Beleggeburt eines gesunden Kindes zahlt – was man nicht alles beim CTG hören kann), werden Adoptionen, vor Allem von Säuglingen immer seltener.

Auf der Neo-Intensiv, zwei Jahre später,  erlebte ich umso häufiger, dass Kinder direkt nach der Geburt in Obhut genommen wurden. In der Regel blieben diese Kinder erstmal auf Intensiv,  damit man den Kontakt zu den leiblichen Eltern limitieren konnte. Erst da verstand ich, dass die Mutter der kleinen Maus, die ja zur Adoption frei gegeben wurde, die stärkere Mutter war. Sie wusste, dass sie dem Wurm nicht bieten konnte, was er brauchen würde und war sich ihrer Verantwortung in vollem Umfang bewusst. Sie traf einfach die richtige Wahl.

Zu oft erlebte ich später, dass Mütter diese Wahl nicht bereit waren zu treffen und kämpften, obwohl es aussichtslos und einfach nur schmerzhaft war.

Natürlich ließ der Anruf vom Jugendamt nicht lange auf sich warten und Mittags sollte ich mit einer Mitschülerin den Besprechungsraum für das erste Treffen mit den neuen Eltern herrichten. Kurz darauf trafen zwei unglaublich nervöse Menschen auf. Wie so oft hatten sie das alles schon einmal durch gemacht, nur um zu erleben, dass es sich die leibliche Mutter dann doch anders überlegte. Sie hatten nichts gekauft und würden nach dem ersten Treffen gleich einen Großeinkauf tätigen. Wie gerne hätte ich den zweien gesagt, dass alles gut wird. Wie gerne hätte ich ihnen die Umstände erklärt, dass diese Entscheidung von einer vernünftigen Mutter getroffen worden war, die bereits eine Familie und eine abgeschlossene Familienplanung hatte. Dieses Baby würde bleiben dürfen.

Bis heute treibt mir der Gedanke daran die Tränen in die Augen und ich werde den Moment, in dem ich der Mutter das Kind in den Arm legte, niemals vergessen.

Das war die erste Mutter, die ich ihrem Kind vorstellen dürfte. Meine erste Geburt, die im Herzen stattfand.

 

Wibke


Ein Kommentar zu „Gastbeitrag von Mama und Hebamme, Wibke”

  1. Christiane Becker sagt:

    Sehr gut geschrieben und Herzenskinder sind eine Erfahrung in alle Richtungen es berührt und bewegt sehr viel in einem 💞💞

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