wenn Entlastung zu Belastung wird

„Nehmen Sie sich eine Auszeit“ „ Wieso nehmt ihr euch nicht einen Babysitter um Zeit für euch zu haben“  „Lasst Mogli doch „einfach“ mal woanders übernachten um mal den Kopf freizukriegen…“

So viele gute und sehr lieb gemeinte Ratschläge hören wir häufig in Gesprächen innerhalb der Familie, mit Freunden oder Bekannten aber auch von Fachkräften.

Doch was so einfach und ganz normal klingt, ist in unserer Realität leider nicht so leicht umzusetzen und endet in größerer Erschöpfung, als das es uns Erleichterung verschafft.

Mogli wurde in ihrem ersten Lebensjahr so häufig verlassen, allein gelassen und erlebte zu viele Bindungsabbrüche um sich „einfach“ auf neue Bezugspersonen einzulassen. Ihre Angst vor Verlust schwebt, wie ein Damoklesschwert ständig über ihr. Nur um im richtigen, leider meist im für uns ungünstigsten Moment, zuzuschlagen.

Was für uns Entlastung bringen soll ist ganz offensichtlich für Mogli Belastung.

Für Mogli bedeuten solche Verabredungen höchste psychische Anstrengung und nicht selten folgen nach derartigen Terminen, die schlimmsten Ausbrüche. –Geschrei, -Wut, -Hilflosigkeit, -körperliche aber vor allen Dingen geistige Müdigkeit…

Einfach alles in ihrem kleinen Körper schreit nach Beruhigung. Und doch wehrt sie sie ab, aus Angst sie wieder zu verlieren. Ein Kreislauf, dem wir hilflos gegenüber stehen und oft einfach nur abwarten können bis sie sich uns wieder öffnet.

Wir haben eine großartige, sehr liebevolle Babysitterin, die Erfahrung mitbringt und sich voller Empathie auf Mogli einlässt und die Kleine sich immer wahnsinnig freut, wenn  ich ihr erzähle, dass sie kommt. Die beiden verbringen nicht selten sehr harmonische Stunden miteinander, die völlig ohne Aufregung und Besonderheiten ablaufen und doch ist Mogli währenddessen unter Dauerspannung. In ihr ist alles auf Alarmstufe rot gepolt und spätestens wenn wir sie abends ins Bett bringen wollen, bricht es aus ihr heraus.

-Einkaufen, irgendwo hin fahren oder andere Erledigungen haben wir uns nach Playdates, egal ob mit der Babysitterin oder mit einer Freundin, längst abgewöhnt. Zu oft schon mussten wir mit einem hysterisch schreienden Kind das Geschäft verlassen, uns schlaue Sprüche anhören, was zu tun sei und zu oft schon, spürten wir einfach, dass selbst ein kleiner Einkauf im Supermarkt zu viele Reize sind, die sie nicht noch zusätzlich verarbeiten kann.

„Was also tun?“ war eine unserer Fragen beim letzten Elterncoaching. Sind dies Situationen, durch die wir, aber vor allem Mogli durch müssen? Wird sie sich daran gewöhnen und irgendwann mehr Vertrauen gewinnen um „unsere Entlastung“ auszuhalten?

Schnell wurde klar, dass Mogli viel mehr Zeit braucht. Sie wird sich vermutlich die nächsten Jahre nicht von jemand anderen ins Bett bringen lassen oder so viel an Sicherheit dazu gewinnen, dass Fremdbetreuung für sie zur Routine wird. Dafür müssten wir monatelang, im besten Fall, immer am gleichen Tag zu den gleichen Uhrzeiten, üben und anschließend ganz langsam ausdehnen bzw. ich könnte mich dann immer mehr zurückziehen und diese Zeiten dann langsam steigern.

Ist es dann für mich bzw. uns noch eine Entlastung? Denn nur weil wir schlauen Erwachsenen uns diesen Plan ausgedacht haben, heißt das noch lange nicht, dass Mogli diesen auch toll findet, geschweige denn, dass sie nach Plan mitarbeitet. Unvorhersehbare Zwischenfälle in der Kita, die gar nicht so selten vorkommen, sind in unserem Plan nicht berücksichtigt. Ebenso wie krank werden, Termine, Besuchskontakte oder Einladungen und Verabredungen der Geschwister, die natürlich auch ihre Daseinsberechtigung verdienen.

Und was wäre überhaupt eine richtige Entlastung für uns? –diese Frage bekam ich als Hausaufgabe mit nach Hause.

Wenn ich abends so vor mir her reflektierte kamen mir natürlich diverse Ideen; Wellnessurlaub wäre toll, mal ein Paarwochenende ganz ohne Kinder oder auch nur einen kinderlosen Shoppingtag in einem tollen Einkaufszentrum standen ganz oben auf meiner Liste…und doch fiel ich immer sehr schnell wieder auf den Boden der Realität zurück. Ich hätte gar keine Ruhe für all diese, sicherlich verlockenden Überlegungen.

Ein simples –ohne Kinder-Essen-gehen hat uns drei Nächte Schlaf gekostet. Dabei ist es nicht der Schlafmangel, der mich davon abhält, Mogli gerade abends von einem Babysitter betreuen zu lassen sondern ihr Knirschen mit den Zähnen, wenn sie schlafend neben mir liegt, ihre suchenden Händchen, die nach mir tasten, wenn ich ein Stückchen zur Seite rutsche und ihre Ausbrüche, mit denen sie regelmäßig ihre Angst kompensiert…

Und so entschied ich, auf diese Frage; was wäre für uns wichtig um Entlastung zu bekommen, noch keine richtige Antwort gefunden zu haben. Vielleicht gäbe es einfach keine Antwort und wir würden einfach so weitermachen wie bisher…natürlich sind wir müde, oftmals ausgelaugt und sicherlich auch einfach mal nur genervt und sehnen uns nach einer Pause…so würde ich es unserer Therapeutin sagen. Plante ich! –bis letztes Wochenende.

Doch jetzt habe ich, die für mich nicht nur richtige, sondern perfekte Antwort. Und von allen Seiten betrachtet, links- und rechtsherum gedreht und von oben und unten beleuchtet, fühle ich mich mit dieser Antwort pudelwohl!

Ich sehne mich nach Ruhe, Freiheit, Frieden und nach einer Auszeit!

Aber keine Auszeit oder Ruhe vor Mogli und den Kindern. Sondern MIT den Kindern. Was gibt es schöneres als glücklichen Kindern beim Spielen zuzuschauen, ihnen mit Kleinigkeiten ein Strahlen in die Augen zu zaubern, die Füße im warmen Sand zu vergraben oder einfach abends zur eigentlichen Schlafenszeit noch mal auf den Spielplatz zu gehen, gegrillte Hähnchenschenkel auf der Hand zu essen (wie ihr bereits wisst, hat Mogli eine besondere Beziehung zu gegrillten Hühnerbeinchen 😉 ) Was gibt es schöneres als ein kleines Lockenköpfchen abends ins Bett zu bringen, was seelenruhig -und das meine ich in diesem Fall wörtlich! einschläft und fröhlich wieder aufwacht. Mein Mädchen, was nicht ihre zwanghaften Runden im Kinderzimmer dreht um zu kontrollieren ob alles am richtigen Ort steht. Ich sehne mich nach Zeit  und zwar qualitativ hochwertiger Zeit mit meiner Familie Und genau das, werden die Stunden sein, die für mich pure Entlastung sind. Ich vergesse die Sorgen des Alltags, ich vergesse die Frage, wie wir Mogli zukünftig weiterhin gut vor unserem abgestumpften System beschützen können und ich vergesse all die Verantwortung, die mich belastet, richtige Entscheidungen zu treffen.

Ich genieße diese #qualitytime und bin voller Überzeugung, dass wir mit diesem Ansatz viel mehr für uns und damit vor allem für Mogli erreichen als jeder noch so gut bedachte Plan. Ich versuche diese wertvollen Momente so gut es geht in den Alltag zu integrieren, hole Mogli bewusst in die Küche weil ich weiß, wie sehr sie es liebt, mir beim Kochen zu helfen, nehme sie mit in den Keller, lasse sie die Waschmaschine anstellen und versuche aufmerksamer für diese alltäglichen Kleinigkeiten zu werden, die ich bisher so oft einfach nur erledigt wissen wollte und sie alleine gemacht habe um Zeit zu sparen. Zeit die ich für Mogli haben wollte, die dann so oft nicht nach unserer beider Vorstellung verlaufen ist und mit Wutanfällen geendet sind…denn so oft ich unserem System vorwerfe abgestumpft zu sein. Ich bin es auch. Mogli mag halt keine Bücher anschauen oder vorgelesen bekommen, sie mag nur wenige Gesellschaftsspiele und die oft nur nach ihren Regeln. Mogli mag Zeit mit mir. Oder mit ihrem Papa. Sie mag mit dem Akkuschrauber bohren, Nägel in ein Brett schlagen, mir in der Küche helfen und mit mir die Fenster putzen…

Mal wieder zeigt mir unser kleines Räubermädchen, dass wir umdenken müssen, von konventionellen Standards, die für viele sicherlich genau richtig und auch gut sind, weit entfernt sind und wir viel mehr darauf achten müssen, die Kleinigkeiten im Alltag zu schätzen und wir von unseren Auszeiten als Familie viel mehr profitieren als wir es je bei einem Abendessen im Restaurant je könnten.

Ich bin ehrlich gesagt schon ganz gespannt, was unsere Elterntherapeutin von meiner, wie ich finde, grandiosen Theorie hält…



Ich werde berichten

<3


Ein Kommentar zu „wenn Entlastung zu Belastung wird”

  1. Christiane Becker sagt:

    So schön und wahr geschrieben 💞 ich hoffe das euer Weg das Ziel zur Entlastung wird 💖

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Auf der Suche nach dem guten Grund…

Der Blick über eine Mauer…ein Leben lang! „Ich liege im Bett. Um mich herum ist alles dunkel. Ich bin allein, höre komische Geräusche von überall her und ich bin ganz sicher, sie kommen immer näher oder sind vielleicht sogar schon unter meinem Bett. Ich habe große Angst. Ich glaub mir wird schlecht. Ich weiß nicht, […]

Mehr sehen
Urlaub mit Mogli

Warum uns die schönste Zeit des Jahres oft alles abverlangt Endlich Ferien! Endlich Urlaub! Wie wohl die meisten anderen Familien auch, sehnen wir vor allem die Sommerferien herbei und malen uns schon Wochen vorher aus, wie wir an lauen Sommerabenden mit der ganzen Familie Karten spielen, gutes Essen genießen und durch pure Entspannung und in […]

Mehr sehen
Insektenhotel

  Materialliste Insektenhotel Für den Rahmen: Fichtenholzbretter 20cm breit, 24mm stark Seiten: 2 Bretter je 1,80m Oben u. Unten: 2 Bretter je 1,30m Dach:3 Bretter je 1,40m Zwischenboden:1 Brett 1,30m zur Einteilung:1 Brett 2,50m (könnt ihr dann nach Belieben zum einteilen des Hotels sägen 4 Einschlaghülsen 7×7 cm 4 Kanthölzer 7×7 cm je 1,80m lang Dachpappe Nägel für Dachpappe Volierendraht um die Larven vor […]

Mehr sehen
Wenn sich Kinder von ihren Eltern „scheiden lassen“

geschrieben von Edith Zunächst möchte ich mich auf das herzlichste, bei Dir, liebe Vanessa bedanken, das Du mir hier auf Deinem Blog, eine Stimme und Raum gibst.  Schön, daß wir zusammen gefunden haben, frei dem Motto : Es gibt keine Zufälle, es fällt einem zu was fällig ist. Wenn sich Kinder von ihren Eltern“scheiden“ lassen  […]

Mehr sehen
Weihnachtsgeschenke

wenn Kinder zwei Familien haben An anderer Stelle, in einer größeren Runde von Pflegeeltern wird seit einigen Tagen sehr heftig darüber diskutiert, ob es nun richtig oder falsch ist, den leiblichen Eltern unserer Kinder etwas zu Weihnachten zu schenken oder nicht.  Ein offensichtlich, sehr emotionales und zweischneidiges Thema, welches ich heute aufgreifen und meine Haltung […]

Mehr sehen
Mein Interview mit der Zeitschrift Eltern, Leben&Erziehen

lesup0119_014_016_bereitpflege

Mehr sehen
Wenn Kinder keine Worte haben

Traumatische Erfahrungen in einem Alter, in dem das Kind selbst noch keine Worte dafür hat. Ein Satz, den ich erst einmal so stehen lassen möchte. Er wird sich mit diesem Beitrag von selbst erklären. Viele Menschen glauben, je jünger ein Kind ist, desto weniger bekommt es mit, desto weniger wird es belastet. Auch wir werden […]

Mehr sehen
Unser Weg zum Familienglück

Hallo, erstmal was zu meiner Person. Ich heiße Catrin, bin 36, verheiratet, Krankenschwester und Mama eines 3 jährigen Adoptivsohnes. Gemeinsam mit meinem Mann, Kind und Hund, wohne ich in unserem Haus, in einem kleinen Ort in Hessen. Im Jahre 2007 erkrankte ich an Gebärmutterhalskrebs, und aufgrund der daraus folgenden Total OP, war es uns nicht […]

Mehr sehen
Mein Leben mit Pflegegeschwistern

Glück im Unglück   Hallo, mein Name ist Jessica, ich bin 37 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Jungen (14,12 & 2 Jahre) und von Beruf Erzieherin. Ich bin die Älteste von sechs Kindern, habe einen leiblichen Bruder, der 14 Monate jünger ist und vier Pflegekindergeschwister.   Ein komisches Wort, was ich gar nicht so […]

Mehr sehen
Mein Gastbeitrag für @daddy.channel

An dieser Stelle möchte ich dem lieben Paul von @daddy.channel von Herzen, für die wundervolle Umsetzung meines Gastbeitrags, danken! Danke

Mehr sehen