Tag 1

Es ist Montagmittag. Heute ist der 17.09.2012.

Ich bin mit der liegengebliebenen Hausarbeit, die ich am Wochenende immer auf ein Minimum reduziere, soweit fertig. Die Kinder haben schon Mittaggegessen und machen, wie ich hoffe, ihre Hausaufgaben und sitzen an ihren Schreibtischen. Ich räume noch schnell die Küche ein wenig auf und setze mich mit einem Milchkaffee auf die Terrasse um die letzten spätsommerlichen Sonnenstrahlen zu genießen. Mit dabei, ein Rezeptheft für Kuchen und allerlei Partyrezepte denn übermorgen wird der große Bruder schon 14 und ich habe noch keine Ahnung was ich vorbereiten soll…Es sind ja auch noch zwei Tage, denke ich noch! Keine zehn Minuten draußen, klingelt das Telefon…

Boah, Menschenskind, wäre ja auch zu schön gewesen, mal eine halbe Stunde Ruhe zu haben. Nun denn, raus aus dem Gartenstuhl, geblendet von den Sonnenstrahlen, rein ins Haus zum Telefon. Ich habe alle wichtigen Nummern im Display gespeichert, deshalb sehe ich sofort wer dran ist. Es ist Frau Schulz vom Jugendamt…

Hallo Frau Herzenskinderliebe, ich überfalle Sie dann direkt mal. Wir haben einen Säugling, ein kleines Mädchen etwa drei Wochen alt…können Sie aufnehmen?“

Mir bleibt kurzzeitig das Herz stehen…Wir stehen doch erst seit Anfang August auf der Liste als Bereitschaftspflegestelle…und jetzt haben wir erst September…egal, denke ich später drüber nach…Ich muss mir ernsthaft auf die Zunge beißen um nicht zu fragen „Und jetzt?“ Natürlich kenne ich die Antwort auf die Frage „Und jetzt!“ Dafür haben wir schließlich die Vorbereitung zur Bereitschaftspflegefamilie durchlaufen, den Erste Hilfe Kurs für „Hilfe am Kind“ absolviert, das ärztliche Attest und natürlich das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis abgeliefert.

„Hallo Frau Schulz, ähhm nun ja, ok?! Sie haben uns beigebracht bei einer Anfrage erst mal um eine kurze Bedenkzeit zu bitten um sich kurz zu sortieren. Ich spreche mit meinem Mann und rufe Sie sofort zurück, ja?“

Ich lege auf und muss erst einmal tief einatmen. Das ging jetzt verdammt schnell. Seit knapp sechs Wochen wissen wir, dass es täglich zu einem Anruf dieser Art kommen könnte. Und jetzt? Verdammt wie waren noch gleich die fünf W- Fragen, die ich hätte stellen sollen… Was? Warum? Wie alt? Welche gesundheitlichen Probleme? Ich nehme mir vor gleich meine schlaue Mappe aus dem Keller zu holen, bevor ich Frau Schulz zurückrufe… Mit zitternden Fingern, tippe ich die Handynummer meines Mannes…

“Schatz, Frau Schulz hat angerufen, sie haben ein Baby, drei Wochen alt. Ach ja ein Mädchen. Wir sehen uns später!“,

lasse ich ihn gar nicht zu Wort kommen. Beim Auflegen höre ich ihn noch dumpf fragen „Ok?“ Jetzt muss ich ein bisschen lächeln bei dem Gedanken

Ja, Rücksprache halten geht irgendwie anders. Egal er war bei den Vorbereitungsgesprächen ja dabei, weiß was jetzt auf uns zukommt…oder?

Ich rufe sofort bei Frau Schulz an um ihr zu sagen, dass wir bereit sind, die Kleine aufzunehmen. Ich habe natürlich nicht die Mappe aus dem Keller geholt, in dem sich die ganzen Unterlagen der Vorbereitung, fein säuberlich abgeheftet, befinden. Und ich habe auch nicht die fünf W- Fragen gestellt. Wir verabreden, dass ich meine Tochter noch kurz zum Opa bringe und ich dann unmittelbar zum Jugendamt komme.

Ich vermute eine gute halbe Stunde würde ich brauchen. Die Kollegen vom allgemeinen Sozialdienst sind schon unterwegs um den Säugling in Obhut zu nehmen, teilt Frau Schulz mir noch mit. Ich flitze noch schnell in den Keller um unseren Maxi Cosi vorsichtshalber mitzunehmen. Brauche ich sonst noch was? Nein, also die kleine Schwester ab ins Auto! Ich erkläre ihr unterwegs warum wir so Holter die Polter aufbrechen und dass sie für ein bis zwei Stunden zu Opa geht. Während der Fahrt rufe ich noch meinen Vater an in der Hoffnung, unsere Kleine dort auch wirklich unterbringen zu können. Einen alternativen Plan habe ich nämlich so schnell noch nicht. Wie auch? Gedanklich drifte ich immer noch zu diesen verflixten W-Fragen. Ich nehme mir vor, diese beim nächsten Mal auswendig sagen zu können! Vorwärts und rückwärts. Jawohl! Bei meinen Eltern angekommen, muss ich Gott sei Dank nicht viel erklären. Meine Stiefmutter ist schon seit Jahren Bereitschaftspflegestelle und stimmt sofort zu, auf F. aufzupassen, solange ich beim Jugendamt bin…

Nachdem ich mich noch kurz von meiner Tochter verabschiedet habe, geht es auf direktem Wege zum Jugendamt…Wie immer, in besonderen Situationen, hat man das Gefühl über die Straßen zu kriechen obwohl man sich so grade noch im Toleranzbereich der erlaubten Höchstgeschwindigkeit befindet.

Ich muss ernsthaft mal nachfragen, ob ich nicht so eine Sondererlaubnisplakette für Nichteinhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzung bekommen kann…Ich bin ja schließlich in Bereitschaft unterwegs…

meine Gedanken überschreiten auch gerade mal wieder eine Begrenzung. Ich befinde mich irgendwo zwischen Realitätsverlust und Hysterie, gepaart mit Freude und Unsicherheit. Und ich bin aufgeregt! Ich bin selten aufgeregt. Ich versuche meine Gefühle zu kontrollieren und konzentriere mich zur Abwechslung mal auf etwas Konstruktives.

Ja, Fläschchen habe ich, Windeln auch. Der Stubenwagen steht zwar noch auf dem Speicher aber er ist da! Ein paar Anziehsachen sind nach Größen sortiert in der kleinen Kommode im Schlafzimmer. Ok, soweit alles da…

Nachdem wir Bescheid bekommen hatten, dass wir als Bereitschaftspflegestelle für Säuglinge in Frage kommen, habe ich gleich ein Notfallpaket gekauft bzw. zusammengestellt. Sauger, Nuckis und Windeln in dreierlei Größen, Strampelchen, Bodys und alles was ein Baby so braucht habe ich sofort nutzbar zur Verfügung…Nachdem ich gedanklich alles sortiert habe, bin ich deutlich ruhiger und stelle mein Auto auf dem Parkplatz ab.

Betont gelassen betrete ich das Jugendamt. Könnte Frau Schulz mein Innerstes toben sehen, würde sie mich höchstwahrscheinlich für komplett durchgeknallt halten. Durch vehementes Fingerkneten versuche ich mich selbst zu beruhigen und erfahre von Frau Schulz, dass die Kollegen mit dem Baby noch nicht zurück sind. Wir plaudern ein wenig und ich erfahre, dass die Kleine nach der Geburt zu ihrer Oma und ihrem neuen Mann gekommen ist, da ihre Eltern nicht wirklich auf einen Säugling vorbereitet waren. Es kam jedoch dort häufig zu Streitigkeiten, sodass die leiblichen Eltern nicht mehr mit einer Unterbringung bei den Großeltern einverstanden waren und sie deshalb zu uns kommt bis eine andere Lösung gefunden ist. Vermutlich eine Mutter-Kind-Einrichtung da die Mutter keinerlei Erfahrung hat und den Umgang mit ihrer Tochter erst lernen muss.

Ok, klingt ja erst einmal nicht ganz so dramatisch!, denke ich.

In der Vorbereitung haben wir gemeinsam erarbeitet, dass für mich das aller Schlimmste wäre, einen vernachlässigten oder misshandelten Säugling aufzunehmen, der schon jeden Willen Leben zu wollen, aufgegeben hat.

Dies hier hörte sich aber so nicht an und ich entspanne ein wenig. Trotzdem kommt mir jede Minute vor wie eine halbe Ewigkeit. Meine Hände zittern immer noch leicht. Wie sieht sie wohl aus? Wie reagieren die Eltern auf mich? Sind wir wirklich vorbereitet? Ich werde in meinem Sinnieren unterbrochen…

Zwei Mitarbeiter vom ASD, die Eltern und ein weiterer Mann kommen mit der Kleinen in den Besprechungsraum. Frau Schulz, stellt uns vor.

„Herr Klein und Frau Sonntag, das ist Frau Herzenskinderliebe unsere Bereitschaftspflegestelle für ihre Tochter.“

Wir begrüßen uns etwas schüchtern und mustern uns mit verstohlenen Blicken. Ich traue mich gar nicht die Kleine anzuschauen. Signalisiere ich damit vielleicht ein zu großes Interesse an ihr? Ich möchte ihre Eltern nicht verunsichern. Es reicht ja wenn hier einer im Raum total verunsichert ist.

Also stelle ich ein paar Fragen zu den Gewohnheiten. Ihrem Trinkverhalten und alles was mir noch einfällt, was wichtig sein könnte. Ich möchte den Eltern das Gefühl geben, dass ich sie ernst nehme und ihnen zuhöre. Auch wenn es sehr schwer fällt. Schon in den ersten Sekunden des Aufeinandertreffens wird mir klar; er, Moglis Vater scheint die ganze Aufmerksamkeit um seine Person hier fast zu genießen und sie, Frau Sonntag? Tja ein Opfer, die bei jeder Frage duckmäuserisch den Blick fragend auf ihren Lebensgefährten richtet, in der Hoffnung, er könnte die richtigen Antworten geben. Ich unterdrücke so gut es geht, dieses aufkommende Gefühl der Ablehnung.

Auf die meisten Fragen, wissen sie leider keine Antwort, da sie Mogli nach der Entbindung ja nicht bei sich hatten. Ok wird schon…denke ich, bist ja schließlich Mutter und hast früher schon auf gefühlte Hunderte Babys aufgepasst. Es werden ein paar Dokumente unterschrieben, dass ich Mogli transportieren darf, mit ihr zum Arzt darf etc… Der Mann, der die „Gesellschaft“ begleitete, stellte sich als Moglis Opa vor. Er will wohl gucken bei wem sie untergebracht wird. Seine Frau und er möchten nämlich Antrag stellen, dass Mogli dann bald zu ihnen kommt, erzählt er mir. Er ist dann wohl der Ex-Mann der Oma, bei der das Mäuschen bis eben war, erschließe ich mir…!

Ok, eigentlich auch egal, ich habe jetzt nur noch Augen für die Kleine und nehme sie zum ersten Mal auf den Arm. Wie klein sie noch ist. Sie wirkt sehr müde. Ich habe sofort das Gefühl sie beschützen zu müssen.

Nachdem wir für den nächsten Morgen 9.00 Uhr einen Besuchstermin im Jugendamt vereinbart haben wird die Familie freundlich gebeten, sich zu verabschieden, damit sie dann jetzt auch ein wenig zur Ruhe kommt.

Das erste Mal schaue ich Mogli ganz direkt an. Sie ist ein zuckersüßes Püppchen, mit sehr vielen dunklen, schon leicht gelockten Haaren. Sie hat sehr zarte, sehr feine Gesichtszüge, dafür riesige dunkle Augen.

Ein wunderschönes, perfektes Baby. Und doch! Etwas irritiert mich, irgendetwas wirkt „falsch“.

Das liegt garantiert an der vollständigen Überforderung meiner Synapsen, verscheuche ich mein warnendes Unterbewusstsein. Ich ziehe Mogli ihr Jäckchen an und verabschiede mich von Frau Schulz. „Wir sehen uns dann morgen früh!“ winke ich ihr. Die beiden Mitarbeiter des ASD kündigen eine riesige Wagenladung voll mit Sachen von Mogli an, die ihre Oma alle zusammen gepackt hat. Sie begleiten uns beide zum Auto.

Ich lege Mogli behutsam in den mitgebrachten Kindersitz und schnalle diesen auf dem Rücksitz fest. Wir laden noch das ganze Zeug, das in Säcken und Kisten verpackt ist, in mein Auto. Sie wünschen uns eine friedliche erste Nacht mit der Kleinen und Zack das war’s! Ich sitze mit einem fremden Baby im Auto auf dem Weg nach Hause und denke

Bist du eigentlich total bescheuert? Was tust du hier? Hast du noch nicht genug Verantwortung? Was um Himmelswillen hattest du hier wieder für eine Idee? …So ist das jetzt, antworte ich mir selber. Und ja! Ich freue mich auf diese Aufgabe, darauf habe ich mich schließlich monatelang vorbereitet…

 Wieder zu Hause angekommen, lade ich nur das nötigste aus, stelle das Reisebettchen an einer ruhigen Stelle auf und lasse Mogli erst mal in Ruhe ankommen. Meinen Mann bitte ich noch telefonisch, Milchpulver zu besorgen und unsere Tochter beim Opa abzuholen.

Nachdem Mogli zwei Stunden geschlafen hat, meldet sie sich ganz zaghaft das erste Mal. Es ist kein richtiges Weinen. Nur ein ganz zarter Ruf nach Zuwendung! Ich bin sofort bei ihr und frage sie, ob ich sie auf den Arm nehmen darf. Ich wiege sie ein wenig hin und her und verspreche ihr, mein Bestes zu geben, dass es ihr hier gut gehen wird und ihr hier niemand etwas tut.

Ich bereite einhändig eine Flasche zu und füttere sie. Knapp nach der Hälfte ist sie so erschöpft, dass ich beschließe sie zu wickeln. Ganz ruhig liegt sie auf dem Bett und schaut mich an.

 „Was hast du zu erzählen, hmm? Alles ok? Jetzt trinken wir noch ein bisschen aus der Flasche, ja?“

 Rede ich in ruhigem Ton mit ihr. Sie trinkt mit gleichmäßigen Zügen noch fast das Fläschchen aus und schläft schnell wieder ein. Ich lege sie behutsam wieder in ihr Bettchen und beauftrage den großen Bruder, sich zu ihr zu setzen. Ich will den Stubenwagen vom Speicher holen und die restlichen Sachen aus dem Auto holen. Ich bin grade fertig als mein Mann mit F. nach Hause kommt.

Die Kleine fliegt sofort mit ihrer stürmischen Art ins Wohnzimmer und ruft „Wo ist das Baby, darf sie in meinem Zimmer schlafen?“ Für den Moment ist sie dann wohl nicht mehr die Kleine, denke ich und versuche sie etwas in ihrer Puppenmutti Euphorie zu bremsen. Klar mit fast sieben, freut sie sich natürlich auf die lebende Ausgabe ihrer Baby Born Puppe.

Ich nehme sie zur Seite und erkläre ihr, dass Mogli nun zuerst mal ein wenig Ruhe braucht und biete ihr an mir bei der Vorbereitung des Abendessens zu helfen. Meine Tochter würde sie am liebsten sofort baden, pudern, umhertragen und knuddeln. Ich vertröste sie auf die nächsten Tage, nicht ohne, dass sie mir das Versprechen abnimmt, Mogli am nächsten Tag auf den Schoß nehmen zu dürfen.

Nachdem die beiden großen im Bett sind, Mogli noch eine Flasche getrunken hat und ich auch sie Bett fein gemacht habe, schweifen meine Gedanken wieder nur so umher; ich liege in meinem Bett, das Babymädchen im Stubenwagen gleich daneben, ich höre ihr gleichmäßiges Atmen und muss wieder den Gedanken unterdrücken, was ich hier eigentlich mache.

Was, wenn ihr hier bei uns etwas passiert, sie morgen früh nicht mehr aufwacht? Und ganz banal, Mist! Trotz allem! Der große Bruder hat übermorgen Geburtstag. Was mache ich bloß zu Essen und wann mache ich das alles…?

 

 


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