Mogli-Story

Warum wir Mogli, Mogli nennen und wie wir darauf gekommen sind hat keinen bestimmten Grund. Eigentlich sind es mehrere. Doch wurden uns viele passende Attribute erst im Laufe der Zeit bewusst und von vielen wissen wir vielleicht bis heute noch gar nichts.
Ihr Kosename entstand aus einer Situation während dem Grillen in unserem Garten im Sommer 2014. Doch muss ich ein wenig ausholen um diese Situation besser erklären zu können;

Mogli brauchte ziemlich lange, bis sie sich an feste Nahrung herantraute, trank sehr lange ihre Pre Milch, Brei oder sehr fein püriertes Essen. Das Kauen war nicht das Problem, sondern das Schlucken.

Heute wissen wir, dass viele traumatisch belastete Kinder in ihrem Saugreflex hängen bleiben und dadurch eine Mundhypotonie entwickeln. Das heißt, die Kau- und Schlcukmuskulatur ist nicht richtig ausgebildet und die Kinder haben Schwierigkeiten, den für uns normalsten Ablauf, der sich während des Kauens und Schluckens abspielt, im Mund zu koordinieren.

Weiches Obst und gedünstetes Gemüse haben wir ihr anfangs in einem Fruchtsauger gegeben um sie langsam ans Kauen heranzuführen und um ein negatives Erlebnis, in Form von Verschlucken zu vermeiden. Es dauerte ziemlich lange bis wir ihr das erste Mal, ein einfaches Brötchen in die Hand geben konnten. Doch schon die knusprige Oberfläche bereitete ihr Schwierigkeiten. Diese Konsistenzmischung aus, außen hart, innen weich verwirrten sie regelrecht, sodass sie das Essen fester Lebensmittel völlig verweigerte. Wir waren also eher skeptisch als sie an einem Sommertag kurz vor ihrem zweiten Geburtstag, während wir grillten, ein Hühnerbeinchen haben wollte. Ich fütterte ihr eine kleine Ecke Fleisch und wollte schon anfangen, den Rest vom Knochen zu lösen als sie sich die Keule schnappte und damit zum Sandkasten lief. Und während sie also auf dieser Umrandung saß, ihre kleinen Mäusefäustchen um eine gegrillte Hühnerkeule schlang und mit ihrem verschmierten Gesichtchen einfach pures Glück ausstrahlte dachten mein Mann und ich wohl ziemlich das Gleiche;

„Unser kleines Urwaldmädchen… weit weg, von jeglichem Erziehungsstandart, schmutzige Hände, verschmiertes Gesicht, das Essen auf der Faust, die Füßchen, vergraben im Sand und in diesem Moment absolut glücklich“  – eben wie Mowgli aus dem Dschungelbuch (wobei dieser kleine Urwaldjunge „Mowgli“ geschrieben wird)

Mein Mann war es, der ihr eine wilde schwarze Locke aus den Augen strich und sie zum ersten Mal Mogli nannte. Ihr hättet dieses zuckersüße Grinsen sehen müssen. Fast als dachte sie: „Endlich habt ihr verstanden…“

Sie wollte so sehr Selbstbestimmtheit, wollte nicht in ein vorgefertigtes Muster, was unser System für die Entwicklung unserer Kinder vorbehält.
Sie wollte nicht, die obligatorische Dinkelstange, den Hirsekringel oder eben nicht das trockene Brötchen, was man Kindern häufig in die Hand drückt damit sie autark und selbstbestimmt essen können. Mogli wollte ein Hühnerbein.
Dreimal dürft ihr raten, was wir nach diesem Erlebnis, nahezu täglich gemacht haben…-richtig! Den Grill angeworfen um für Mogli Hühnerbeinchen zu grillen 🙂

Der Name Mogli war also für unser kleines Herzensmädchen geboren und schon fielen uns viele unterstreichende Zusammenhänge auf;

Das wohl wichtigste und treffendste, dass sie als kleines „Findelbaby“ in unsere Familie kam und uns ebenso mit ihren tiefdunklen Augen, ihren schwarzen Löckchen und ihrem so Schutzsuchenden Wesen, dazu gebracht hat, unsere Familienplanung, die eigentlich abgeschlossen war, völlig über den Haufen zu werfen. – ebenso wie das Wolfsrudel nicht lange überlegen musste, ihren Mogli großzuziehen.

Mogli war eine klassische „Late-Talkerin“ Drei Jahre lang brauchte sie, bis aus ihren Lautierungen, verständliche Worte wurden. Aufgrund ihrer Haltung, Mimik, Stimmlage und ihren Lauten, konnten wir sie verstehen. Doch mehr als einzelne, sehr wenige Wörter sprach sie während ihrer ersten drei Lebensjahre nicht. Unser kleines Dschungelmädchen, verständigte sich eben anders, wie Moglis das eben tun. –nur die Gesellschaft hat verlernt den Kindern bzw. Menschen zuzuhören, die eben ein wenig anders sind…

Mogli hasst Socken! Bis heute! Sobald die Temperaturen es hergeben, läuft sie barfuß. Egal ob über die Straße, über Steine über Sand, im Kindergarten oder Zuhause…dieses einengende Gefühl macht sie schier wahnsinnig und wehe eine Naht sitzt irgendwie schief oder falsch. Die Socken fliegen uns postwenden um die Ohren. Mogli will und muss sich spüren…Schuhe, aber vor allem Socken werden nach ihrem Empfinden eh völlig überbewertet. Wenn es nach ihr ginge, liefe sie ganzjährig barfuß und ließe sich maximal zu Gummistiefeln oder Kroks überreden….

Mogli hat einen Fabel für wilde Tiere! Während ihr viele heimische Arten eher suspekt sind, ihr kleine heimische Hühner Angst machen, freut sie sich wie verrückt, wenn ihr ein kleiner Affe in den Arm springt und er ihr aus der Hand frisst. Regelmäßig fahren wir in einen naheliegenden Affen- und Vogelpark und freuen uns über diesen Ausdruck purer Lebensfreude, der sie in der Natur ergreift. Mogli liebt es generell, Tier zu füttern und zu versorgen. Jedoch haben es ihr die Äffchen besonders angetan. Ebenso eine Herde Wildpferde, die wir während unserer Zeit in unserem Mini-Paradies (Holland), nahezu täglich besuchen müssen.

Wenn ich meine Augen schließe und mir mein kleines, dunkles Lockenköpfchen vorstelle, wie sie barfuß mit einer Hühnerkeule im schmutzigen Händchen, ihre Füßchen in den Sand gräbt und einfach Kind sein darf. Zu erleben, wie fürsorglich sie mit Tieren umgeht, sie einen Blick für die Kleinsten und Hilfebedürftigen entwickelt hat. Ihren inneren Kampf gegen unser, absolut unflexibles System zu begleiten, sie davor nur bedingt schützen zu können… all das weckt tatsächlich manchmal den Wunsch in mir, einfach in den Dschungel zu ziehen…natürlich nur im übertragenen Sinn. Eher an einen Ort mit vielen Tieren, fernab von Zwängen und System, an dem Mogli einfach Kind sein darf…

Sie kann so viel. So wichtiges. So wertvolles… es lässt sich leider nicht in Noten messen… diese Bausteine sind im Bildungspaket nicht vorgesehen und werden in keiner Pisa-Studie berücksichtigt. Menschlichkeit und Empathie sind nicht im Lehrplan vorgesehen und auch mit Inklusion, bleiben die Kinder, die eben ein wenig anders sind, häufig die Außenseiter… leider!


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