Rückführung

Eine Zeit, die mich das Beten gelehrt hat

Der 12.10.2012! Ein Tag, den ich wohl nie wieder vergessen werde. Niemand hier von uns. Der 12.10.12, ein Freitag. Ein sehr verregneter Freitag. Vor lauter Regen würde niemand meine Tränen sehen, die ich still vor mich hin weinte, dachte ich, während ich Moglis letzte Sachen zusammenpackte. Das meiste, von dem Wenigen, was überhaupt brauchbar war, hatte ich schon gestern fein säuberlich sortiert und in eine neue Reisetasche gepackt. Als Mogli am 17.09. Hals über Kopf bei uns einzog, befand sich ihr weniges Hab und Gut, verteilt auf vier verschluderte Aldi Tüten. Damit konnte ich sie definitiv nicht gehen lassen. Mogli verdiente einen würdevolleren Auszug und wir hatten alles gut vorbereitet. Vor allem uns.

Den Tag vor Moglis Abreise genossen wir in vollen Zügen, haben viele Stunden kuschelnd auf dem Sofa verbracht, sie gebadet, ihre winzigen Nägelchen geschnitten, ihre dunklen, lockigen Härchen gebürstet und sie einfach im Arm gehalten. Wieso vergehen solche Tage immer viel zu schnell? –ich wünschte, ich hätte die Zeit anhalten können. Ich wünschte, ich hätte ihr all das ersparen können. Nicht nur ihr. Auch uns!

Natürlich wussten wir vom ersten Tag an, dass eine Rückführung von Anfang geplant war. Doch das war vorher. Niemand konnte ahnen, was ein 17 Tag junger Säugling, der bei seiner Ankunft, knapp 300 Gramm unter Geburtsgewicht wog, in mir auslösen würde. Fünf Wochen hatten wir Zeit gehabt, Mogli ein wenig aufzupäppeln. Fünf Wochen, mit täglichen Besuchskontakten, die geprägt waren von Nichtbeachtung ihrer Bedürfnisse. Fünf Wochen voller Hoffnung, dass es doch noch anders kommen würde und fünf Wochen voller Angst vor der Konsequenz, dass erlebte nicht verarbeiten zu können.

In der Theorie waren wir bestens vorbereitet. Aller bestens sogar. Aber seit dem 12.10.2012 weiß ich, auf eine Rückführung kann man sich theoretisch gar nicht vorbereiten. Zumindest nicht auf eine unter diesen Umständen.

Der große Bruder und die bald nun wieder kleine Schwester verließen wie gewohnt gegen 7.15 Uhr das Haus um zur Schule zu gehen. Mein Mann blieb noch ein bisschen, verabschiedete sich wenig später stumm mit tränennassen Augen. Das war zu viel für mich. Ich ertrage alles, aber nicht meinen Mann weinend vor einem Baby knien zu sehen, welches wir in wenigen Stunden in eine so ungewisse Zukunft verlassen müssen.
Ich glaube so fühlt sich innerliches Zerbrechen an. Vor Schmerz kaum atmen zu können. Angst…Wut…Trauer, ich weiß gar nicht, welches Gefühl das stärkere von allen war und vor allem kannte ich den Ausweg nicht.

Pünktlich, wie verabredet, um 9.00 Uhr klingelte die Sozialarbeiterin, mit der ich Mogli weg bringen würde. Sie umarmte mich. Wortlos. Schweigend räumten wir Moglis Gepäck in ihr Auto. Als alles verstaut war, weckte ich die Kleine ganz sanft, trug sie so behutsam ich konnte zum Wickeltisch, wechselte ein letztes Mal ihre Windel und zog sie ausgehfertig an. Ein letztes Mal schnallte ich sie in ihre Babyschale und setzte mich zu ihr ins Auto. Wir fuhren los und die Fahrt verlief wie in Trance. Permanent versuchte ich auszublenden, dass wir auf der Rückfahrt ohne Mogli im Auto sitzen und ich später in ein leeres Haus zurückkommen würde.

Mogli wird dann nicht mehr bei uns sein. Sie wird bei ihrer Mutter sein, so wie es eigentlich für jedes Baby vorgesehen sein sollte.

Dieser Gedanke tröstete mich nicht im Geringsten. Ich hatte viel zu große Angst um sie. Mogli braucht so viel. Sie sendet nur so feine, ganz leise Signale, die so schnell übersehen werden könnten. So oft hörte ich in den letzten Wochen, was sie für ein liebes Baby sei…(ich wusste gar nicht, dass es auch böse Babys gibt) Die Antwort darauf war schlicht und ergreifend zugleich. Mogli war natürlich ein absolut „liebes“ Baby, doch was Viele mit lieb oder pflegeleicht in Bezug auf Mogli verwechselten war Moglis Angst vor Menschen. Sobald wir irgendwo fremd, Fremde bei uns waren oder sie sonst auch nur die winzigste Kleinigkeit verunsicherte, schaltete Mogli sich vollständig aus. Und das über Stunden! Sie weinte nicht, bewegte sich nicht, trank nicht und reduzierte ihre Atmung auf ein Minimum. Kurz um, Mogli verlangsamte ihren Stoffwechsel auf den niedrigsten Überlebensmodus der sie soeben noch am Leben hielt und beamte sich in diesem Zustand so lange in ihre Welt, wie es eben dauerte, bis sie sich wieder sicher fühlte. Um diesen Mechanismus auszulösen, brauchte es manchmal nur einen Geruch oder bestimmte Stimmen. Diese „Übung“ begann immer mit Augenrollen. Ihre Augen verschleierten und bekamen einen ganz fremden Ausdruck, bevor sie schließlich nach innen weg rollten und zufielen. Ihre Haut wurde blasser und ihr süßes Mündchen fast blutleer.

In den fünf Wochen haben wir es nicht geschafft, ihren Stoffwechsel so hochzufahren, dass sie selbstständig und ohne Hilfsmittel die Windel füllte. Viel zu viele, emotional hochanstrengende Termine ließen Mogli auch in ihrer ersten Zeit bei uns nicht so zur Ruhe kommen, wie ihr kleiner Organismus es gebraucht hätte. Doch immerhin, Mogli konnte selbstständig das Bedürfnis des Hungers anzeigen. Dies war schon ein großer Erfolg und während dieser letzten Autofahrt mit ihr, hatte ich einfach nur noch riesige Angst, dass sie sich so in ihre Welt katapultiert, dass sie nicht mehr aufwacht.

Als wir schließlich in der Mutter-Kind-Einrichtung ankamen, ging es alles ziemlich schnell. Wir wurden von der Leiterin der Einrichtung erwartet, der wir gleich alle wichtigen Dokumente übergaben, während Moglis Mutter das Gepäck aus dem Auto in ihr Zimmer räumte. Nach einem kurzen Übergabegespräch, bekam ich ein paar Minuten Zeit, mich von Mogli zu verabschieden.

Ich ging mit ihr in den Aufenthaltsraum und flüsterte ihr weinend meine Abschiedsworte in ihr süßes Öhrchen. Ich bat sie, sie solle so laut schreien, wie sie konnte, wenn sie Angst hatte oder sie zu sehr verunsichert war, versprach ihr jeden Tag an sie zu denken und wünschte ihr, dass man hier gut auf sie aufpassen würde. Gib niemals auf mein kleines Mädchen, waren die letzten Worte die ich zu ihr sprach bevor ich sie ihrer Betreuerin in den Arm reichte.

Ein letztes Mal spürte ich ihr Gewicht auf meinem Arm, sog ihren Babyduft ein und musste dann das Zimmer verlassen bevor es mir selber den Atem nehmen würde. Krampfhaft hörte ich nach einem Schreien oder wenigstens einem leisen Wimmern. Nichts. Ich wusste, dass ich Mogli nicht hören würde und nichts, was ich je erlebt oder gefühlt habe, war vergleichbar. Eine erdrückende Schwärze überkam mich während wir den Flur zum Ausgang entlang gingen und als wir endlich draußen waren, war ich dem Regen so dankbar, dass er meine stillen Tränen einfach fortspülte. Unsere Sozialarbeiterin drückte mich ganz feste und beschloss, mich nicht gleich nach Hause zu fahren sondern sie steuerte ein Café an, in dem sie uns zwei große Latte Macchiato bestellte. Sie hatte die meisten Besuchskontakte mit Mogli und ihren Eltern begleitet und kannte die Situation und auch mich somit sehr gut. Auch sie hatte große Sorge und hoffte, dass alles gut für Mogli ausgehen würde.
Dem Jugendamt tat es sehr leid, dass wir ausgerechnet bei der allerersten Belegung mit einem so schwierigen „Fall“ starten mussten und doch waren sie so dankbar, dass Mogli bei uns gelandet war. Eben weil wir uns als Neulinge noch zu 100% auf sie einlassen konnten und ihr teilweise gefährliches Verhalten überhaupt gesehen haben.

Eine Prognose gab es nicht. Alle wussten, Moglis Reise ist noch nicht zu Ende aber wie, wohin und vor allem wann sie weitergehen würde, konnte keiner sagen.

Eine Zeit, die mir das Beten gelehrt hat…jeden Tag!

Der Aufenthaltsraum, in der Mutter-Kind-Einrichtung, in dem ich mich von Mogli so schmerzhaft verabschiedet habe


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