Mogli bleibt

-jemanden zu tragen bedeutet so viel mehr als ihn auf den Arm zu nehmen

Meine 3 Goldstücke
(Das Bild entstand in unserem ersten Sommer‘ 14 in unserem ersten Urlaub als Familie)

Ich habe so viele Fragen und Themen, die ich so gerne intensiver beantworten möchte weil sie mich, auch nach fünf Jahren, immer noch sehr bewegen.

Eine wichtige Frage einer lieben Followerin war; wie es dazu kam, das Mogli zu uns zurück kam und wie wir dann gefühlt haben, dass sie bleiben soll/muss. Dazu möchte ich gerne versuchen unsere Gefühle in Worte zu fassen und fange für neue Mitleser mit einer kurzen Zusammenfassung an;

Mogli kam am 17. September 2012 als unser erstes Bereitschaftsbaby mit, nicht ganz drei Wochen, zu uns. Eine Rückführung war von Anfang an geplant und nach fünf Wochen (mit täglichen Besuchskontakten) zog sie mit ihrer leiblichen Mutter in eine Mutter-Kind-Einrichtung.

Ich erinnere mich noch wie gestern an diesen Tag, fühle noch die Trauer und die Angst um dieses zarte, zerbrechliche Kind, welches schon schmerzlich erleben musste, was es heißt, Todesangst zu haben. Ich betete jeden Tag, dass Mogli nichts passieren würde und dass es ihr gut ginge und bereits nach zehn Tagen kam ein erster Anruf, dass man Mogli voraussichtlich noch an diesem Tag abholen würde weil es absolut keine Perspektive gäbe; ob wir bereit seien, sie wieder aufzunehmen…

Ja!ja!ja! Das sind wir, sofort!!!

Am Abend dann, erst weit nach 18 Uhr der Anruf; man habe kurzfristig eine weitere Hilfestellung installieren können und man versuche es weiter, die Rückführung aufrechtzuerhalten. Und wieder vergingen Tage und Wochen, in denen ich völlig neben mir stand.

Das Scheitern war aufgrund vieler Umstände vorhersehbar und es war nur eine Frage der Zeit…Aber ich spürte, jeder Tag länger in der Einrichtung, würde Mogli nachhaltig größere Schwierigkeiten im „normalen“ Leben bereiten. Ich wusste zu viel um ihre Geschichte und dass sie auch im Heim dauernd wechselnde Betreuungspersonen hatte, machte es nicht besser…Nach sieben Wochen, endlich am 6.12.12 der erlösende Anruf. Die Sozialarbeiterin sei gerade auf dem Weg in die Einrichtung um Mogli abzuholen und so stand sie dann am Nikolaustag nach nicht ganz zwei Monaten bei uns auf dem Küchentisch und blickte mich aus ihren großen dunklen Augen an.

Sie war nicht mehr die gleiche, nicht die zarte Mogli, von der ich mich so schmerzlich verabschiedet hatte. Diese Mogli hier, war von Kummer und Angst gezeichnet…und doch wurde ihr Blick weich, sie entspannte sich und ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Ein zartes Lächeln des Wiedererkennens umspielte ihr süßes Mündchen.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nur einen Bruchteil warum sie zurückkam und wie das weitere Vorgehen sein würde und dennoch versprach ich ihr, dass ich für sie da sein und für sie kämpfen würde, bis die Perspektive Dauerpflege heißen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatten mein Mann und ich allerdings noch nicht offen darüber gesprochen oder gar nachgedacht, dass wir diese Dauerpflegefamilie sein könnten.

Die Weihnachtszeit und auch der Januar 2013 vergingen, ohne dass wir groß etwas vom Jugendamt hörten. Moglis leibliche Familie war untergetaucht und die Sozialarbeiterin bereitete weitere Schritte vor um beim Gericht die dauerhafte Unterbringung Moglis auf den Weg zu bringen als völlig unerwartet Anfang Februar ein Anruf folgte, dass Moglis Eltern der dauerhaften Unterbringung zugestimmt hätten, ein Verfahren nicht mehr nötig sei und man ab morgen verschiedene Familien Anfragen würde…

Ich bekam Panik. Das ging mir jetzt alles viel zu schnell…wir hatten uns auf ca. 4-7 Monate Verfahrenszeit eingestellt um dieses kleine Mäuschen, was so sehr Ruhe benötigte, wieder aufzupäppeln, ihr ein Mindestmaß an Urvertrauen zu schenken und nun sollte sie schon in ca. 3-6 Wochen wechseln?

Nachdem ich abends meinem Mann von diesen Neuigkeiten berichtet hatte, schauten wir uns beide wortlos an. Wir dachten das gleiche und unser Herz schlug den gleichen Takt. Moglis Takt. Wir wussten zeitgleich, wir geben sie nicht mehr her. Sie gehört zu uns und wir gehören zu ihr. Ich besprach mich mit unseren Kindern und den engsten Familienmitgliedern denn uns war völlig klar, unser Kind muss von allen gleichermaßen akzeptiert werden. Wir würden es nicht dulden wenn unsere Eltern nicht ihre Großeltern, unsere Kinder nicht ihre Geschwister und unsere Geschwister nicht ihre Onkel und Tanten sein würden. Aber diese Gespräche waren einfach; ich wusste, auf die wirklich wichtigen Personen konnten wir uns verlassen im Freundeskreis sah dies allerdings völlig anders aus…ein fremdes Baby, vermeintlich geistig mehrfach eingeschränkt (wurde in der Mutter-Kind-Einrichtung, und nachher in der Kinderklinik so eingestuft) holt man sich doch nicht freiwillig ins Haus und schon gar nicht wenn man doch eigentlich schon aus dem gröbsten raus ist…diesen und noch vielen anderen Einwänden stellten wir uns und sortierten aus.
Wir lernten, dass tragen nicht unbedingt auf den Arm nehmen bedeutet. Wir trugen Mogli, ausnahmslos! Alle! Und das tun wir noch heute!

Allerdings hatten wir die Rechnung erst mal ohne unseren zuständigen Pflegekinderdienst gemacht.

Nach meinem Anruf, in dem ich naiv mitteilte, dass sie gar nicht suchen müssen, dass wir Mogli dauerhaft aufnehmen möchten, war mir totschlecht…eine Übernahme aus der Bereitschaftspflege ist grundsätzlich erst mal gar nicht vorgesehen in unserem Jugendamt-System und überhaupt habe ich nur die Vorbereitung zur BRSP durchlaufen… wir vereinbarten einen Hausbesuch um in Ruhe alles zu besprechen.

Ich war so aufgeregt als am Tag X die Sozialarbeiterin und die Dame vom PKD an unserer Haustür klingelten. Doch ebenfalls war ich bereit! Bereit zu kämpfen und aufgeben war keine Option. Wir würden uns unser Vorhaben nicht ausreden lassen. Darin waren mein Mann und ich uns absolut einig!

Das Gespräch ging gleich ins eingemachte; ein Wechsel von BRSP in DP sei nicht vorgesehen, ein Baby ohne durchlaufene Diagnostik mit Moglis Prognose, würde vermutlich eh nur in einer Fachpflegestelle untergebracht werden und überhaupt seien wir nur zur Bereitschaftspflege ausgebildet…

Mogli wurde wach

Ich unterbrach das Gespräch für den kurzen Augenblick um sie aus ihrem Bettchen zu holen und legte sie anschließend in den Laufstall, der gleich neben unserem Esstisch stand. Mogli spürte, dass etwas im Gange war, ließ mich keine Sekunde aus den Augen und fixierte mich regelrecht. Ihre Augen rollten nach hinten und sie beruhigte sich, als ich meine Hand sanft auf ihrem Bäuchlein kreisen ließ. Sie lächelte und spürte, wir geben sie nicht auf. Niemals.

Die Sozialarbeiterin registrierte unsere Bindung sofort und ihr wurde regelrecht unheimlich als sie sah, wie flehentlich Mogli um Ruhe kämpfte. Sie spürte, dass Mogli uns brauchte und sie sah, dass Mogli mit mir Blickkontakt halten konnte! Etwas, was vorher unmöglich war. Egal mit wem!

In Worte zu fassen, was in diesem Moment in unserem Esszimmer passiert ist, ist unglaublich schwierig weil ich es selber gar nicht so registriert habe.

Ich habe Mogli nie als anders, sonderbar oder gar geistig eingeschränkt empfunden. Wirklich nie! Ihre Reaktionen waren mir vertraut, darum waren sie für mich nichts „unheimliches“

Aber natürlich; als man es mir sagt, dass sie noch nie so auf Menschen reagiert hat, in Kommunikation geht und offensichtlich ihr Vertrauen in uns ausdrückt, brachen bei meinem Mann und auch bei mir alle Deiche; wir weinten. Wir konnten nicht einschätzen, was das alles zu bedeuten hatte. Für uns war das Offensichtliche einfach nicht greifbar und die Minuten zogen sich wie Kaugummis als die Damen vom Jugendamt sich eine kurze Auszeit unter vier Augen erfragten.

Als sie endlich, nach einer endlos erscheinenden Zeit zurück ins Esszimmer kamen, lächelten sie uns an und fragten:

„Sie wissen aber, dass Sie uns jetzt viele Jahre an der Backe haben, oder?“

Und dann ging es eigentlich wie von selbst. Wir bekamen die Zustimmung. Mogli bleibt ♥ endlich!

Wir vereinbarten einen Termin für ein Hilfeplangespräch, in dem den leiblichen Eltern mitgeteilt werden sollte, dass wir die Dauerpflegefamilie für Mogli werden würden. Ebenfalls würden wir für die Seminarreihe für die Ausbildung der Dauerpflege angemeldet.

Dem Tag des Hilfeplangesprächs sah ich sehr gelassen entgegen; erstens kannte ich Moglis leibliche Eltern ja bereits von den vielen Besuchskontakten während der ersten Inobhutnahme und zweitens hatten sie ja der dauerhaften Unterbringung in einer Pflegefamilie zugestimmt. Also konnte eigentlich nichts Dramatisches schief gehen, dachte ich jedenfalls…

Während des Termins erklärte die Sozialarbeiterin, dass wir gerne Moglis Pflegefamilie sein würden und sie somit ab diesem Tage nicht mehr in Bereitschafts- sondern in Dauerpflege bei uns leben würde. Moglis Mutter atmete erleichtert aus, sie war mit dieser Entscheidung sehr zufrieden. Moglis Vater jedoch, rastete völlig aus…er hätte niemals zugestimmt, dass Mogli für immer in einer Pflegefamilie leben solle, lediglich bis seine Eltern ein Clearing durchlaufen hätten und überhaupt würde er sich jetzt einen Anwalt nehmen um vor Gericht zu ziehen…

und so begannen wieder weitere Monate der Unsicherheit. Mogli war also weiterhin „nur“ in Bereitschaft bei uns. Immer noch dürften wir uns vor ihr noch nicht Mama und Papa nennen, immer noch waren unsere Kinder noch nicht ihre Geschwister und immer noch schwebte eine erneute Rückführung wie ein Damoklesschwert über uns.

Doch immerhin, sie war bei uns! Zumindest bis zum Prozess. Bis dahin konnten wir ihr ein sicheres zu Hause bieten und versuchen ihre Verzögerungen mit viel Liebe und Ruhe aufzuholen…

Ich danke euch für euer Interesse und freue mich sehr über Nachrichten oder Fragen, die ich immer versuchen werde, so gut es geht zu beantworten


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