Herz über Kopf I

Die Balance zwischen Richtig oder Falsch

21.5.2016

eigentlich wollte ich heute anfangen Euch zu erzählen, wie ich zu der Idee, Bereitschaftspflegemutter zu werden, gekommen bin doch dann klingelte heute Morgen das Telefon und schon kann ich ganz aktuell berichten, wie so ein Tag „in Bereitschaft“ laufen kann.

Ich komme gegen 8.30 Uhr gerade vom Kindergarten, in den unser Herzenskind geht (wir nennen sie liebevoll „Mogli“) zurück, schmeiße die Wochenendwäsche in die Maschine und höre oben schon das Telefon klingeln…und es ist DIE NUMMER!

Wie immer wenn ich die Nummer von unserem Pflegekinderdienst erkenne, habe ich ganz kurz das Gefühl, mein Herz schlägt für eine klitzekleine Millisekunde langsamer…das ist wohl ein kleiner Streich des Unterbewusstseins um sich aufs Weiteratmen zu konzentrieren. Könnte doch sein, oder? Sonst würde ich vermutlich jedes Mal in Ohnmacht fallen, was doch eher kontraproduktiv wäre. Ich nehme also ganz professionell das Gespräch an und höre mir ganz ruhig an um was es geht;

Schon Samstagnacht wurden vier kleine Geschwister in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht da die Mutter der Kinder kurzfristig in eine Klinik musste und sonst niemand da sei, der sich um die vier Kleinen kümmern kann. Das Jüngste, drei Monate jung sei schon in der Nacht bei einer anderen Bereitschaftsstelle untergebracht worden, ob ich das nächst ältere Kind, 18 Monate aufnehmen könne…kurze Atempause.

Zur Erklärung, ich hatte von Mitte November`15 bis Ende März`16 einen 18 Monate kleinen Jungen in Obhut und es war mehr als anstrengend. Für uns alle. Der kleine Filius hatte es faustdick hinter den Ohren und hat uns den ganzen Winter ordentlich auf Trab gehalten.

Meine spontane Antwort war also „Nein, tut mir leid, ich möchte vorerst bei unserer ursprünglichen Vereinbarung, nur Säuglinge zu nehmen, bleiben. Alles andere sei für „Mogli“ eher kontraproduktiv“.

Mogli hat Ihre ganz eigene Geschichte und ist auf ihre Art sehr traumatisiert. Und als Bereitschaftspflegemutter und in erster Linie als Mutter, sehe ich als meine oberste Priorität, unsere Familie auch zu schützen. Bei aller Empathie und Liebe zu Kindern, manchmal kann es nur ein „Nein“ sein. Zu frisch sind noch die Erinnerungen der letzten Belegung mit dem kleinen Filius.

So sehr mein Kopf diese Entscheidung nein gesagt zu haben unterstützt…

…ebenso sehr blutet mir das Herz, dass dieses kleine Menschenkind vermutlich in der Einrichtung bleibt. In unserem Kreis sind nur wenige Stellen, die in Krisensituationen zur Stelle sind und wir kennen uns alle untereinander, deshalb konnte ich mir schnell ausrechnen wer aktuell noch Plätze zur Verfügung hat.

In Gedanken läuft mir den ganzen Morgen dieser kleine Junge hinterher und ich muss ständig daran denken, dass vier kleine Seelen vermutlich gerade alle getrennt voneinander völlige Angst ausstehen müssen, weil sie ihre Mami vermissen und auch ihre Geschwister nicht mehr um sich haben.

Ich bin froh etwas Ablenkung bei einem Frühstück mit meiner lieben Freundin zu finden. Bei einem großen Latte Machiatto und einem italienischen Panini erzähle ich ihr gerade von meinen Gedanken, als mein Mobiltelefon klingelt.

Noch einmal die Dame vom PKD, die mich an den Besuchskontakt mit Mogli und ihrer leiblichen Mutter erinnert. Wir haben Enten-Füttern geplant, was auf Grund des Wetters, buchstäblich ins Wasser fällt. Wir würden uns somit im Familienzentrum treffen um dort zu spielen oder malen. Da am Nachmittag die Unterbringung der Kinder stattfindet, die aus der Jugendhilfeeinrichtung in verschiedenen Familien gebracht werden würden, bittet sie mich etwas früher zu kommen um pünktlich beenden zu können.

„Immerhin sind sie noch zusammen“, denke ich nachdenklich…

Ich schlage vor, den Besuchskontakt nach einer kurzen Begrüßung alleine durchzuführen denn ich komme mit Moglis Bauchmama sehr gut zurecht und habe absolut keinerlei Bedenken, dass etwas Außergewöhnliches passieren könnte. Und wie vermutet, stoße ich mit dieser Idee auf viel Dankbarkeit.

In einem so kleinen Jugendamt ist einfach die Hölle los, wenn es gilt, vier Kinder gleichzeitig unterzubringen.

Sie fragt mich, ob ich mir eventuell vorstellen könnte, eventuell das jüngste, das Baby zu übernehmen da die Unterbringung in der derzeitigen Bereitschaftsstelle, auf Grund eines anstehenden Urlaubs, nur befristet möglich sei.

Wieder nur ganz kurz, das Herz schlägt eine Millisekunde langsamer…Weiteratmen!

Ich erfahre die nötigsten Einzelheiten, die es gilt abzuwägen;

Die Familie befindet sich im Asylverfahren. Für mich grundsätzlich absolut überhaupt kein Problem.

Eigentlich. -Uneigentlich steht allerdings ein langes Wochenende bevor. Wir möchten eigentlich in unser Mini Paradies nach Holland als Meer. (Vor drei Jahren habe ich mir den Traum vom eigenen Mobilheim an der Küste erfüllt)

Und ein Baby ohne Papiere darf eigentlich nicht ausreisen…eigentlich wurden wir aber auch noch nie an der Grenze kontrolliert und eigentlich wäre mir das auch egal, ich würde sicherlich die notwendigen Bescheinigungen vom Jugendamt bekommen um ungefährdet aus- und wieder einreisen zu können…Die Synapsen arbeiten auf absoluten Hochtouren…

Ich bitte um ein paar Stunden Bedenkzeit. Ich muss das mit meinem Mann und den Kindern absprechen. Denn Bereitschaftspflege geht nur, wenn die gesamte Familie das entsprechende Kind mitträgt.

Das Jugendamt und ich vertagen die Entscheidung auf die nächsten Tage wenn die drei Geschwister gut versorgt sind und eventuelle Perspektiven etwas klarer sind.

Spontan summe ich das Lied „das Herz sagt bleib, der Kopf schreit, geh…Herz über Kopf…“

Ich fahre nach Hause und schmeiße noch die Wäsche, die inzwischen gewaschen ist, in den Trockner. Aber alles nur mechanisch weil meine Gedanken nur um diese Kinder kreisen. Ich hole meine Mogli aus dem Kindergarten und fahre mit ihr zum Besuchskontakt mit ihrer Bauchmama.

Kurz vor dem Besuchskontakt mit Moglis leiblicher Mutter besprechen wir mit dem Pflegekinderdienst, sollte das Baby zu uns wechseln, würde dies morgen oder übermorgen ganz in Ruhe passieren.

mein Herz hat schon längst eine Entscheidung getroffen…zweimal „Nein“ an einem Tag…

Nein, das geht nicht…

Wir nutzen den Abend und halten Familienrat und kommen gemeinsam zu der Entscheidung für ein Baby haben wir gerade ganz viel Platz…

Ich schreibe noch kurz eine E-Mail und versuche so entspannt wie möglich noch den Abend zu genießen und bin sehr gespannt;

wie geht es morgen wohl weiter…?!


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