Elterncoaching

Zwischen Himmel und Hölle

Am Mittwoch, 21.6.17 war es endlich soweit. Meine lang ersehnter Termin bei der, vermutlich besten Psychologin, die Deutschland in Sachen traumatisierte Pflegekinder, zu bieten hat, stand endlich an.

Eigentlich habe ich gar nicht so lange warten müssen, gefühlt war es trotzdem eine Ewigkeit.
Ich habe Frau L. schon als Referentin, bei den verschiedensten Seminaren z.B. über Biographie Arbeit mit Pflegekindern, erleben dürfen und gleichermaßen an ihren Lippen geklebt. Sie ist eine so bemerkenswerte unglaubliche Frau! Wer sie persönlich kennt, weiß wovon ich spreche.

Selber körperlich höchst beeinträchtigt, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Krisengeplagte Pflege- und Adoptiveltern zu beraten, nachdem sie vorher viele Jahre im klinischen Bereich, Eltern von beeinträchtigten Frühchen begleitet hat. Viele Jahre Erfahrung, ein wahnsinniges Gespür für Menschen, absolute, schonungslose Ehrlichkeit und selbst Mutter eines Pflegekindes, lassen keinen Zweifel, dass sie genau die Richtige für mein Elterncoaching ist.

Ich bin inzwischen selber seit knapp 19 Jahren Mutter, habe so viele Kinder als Babysitterin oder Bereitschaftspflegemutter betreut…und doch das Muttersein für ein traumatisiertes Pflegekind bringt mich oft an den Rand der Belastbarkeit. So oft, weiß ich nicht weiter, möchte unsere Mogli doch nur verstehen…aber wer von uns kann schon realistisch Todesangst verstehen.

Mehrere Bindungsabbrüche, ein kaum noch vorhandener Stoffwechsel im Säuglingsalter und die Angst vorm Verlassen werden, haben sich tief in Moglis kleine Seele gebrannt…und in ihr Hirn.

Inzwischen wisst ihr, dass Mogli, nachdem sie vier Wochen bei uns war, zurückgeführt wurde. Ich brachte sie zu ihrer Mutter in eine Mutter-Kind-Einrichtung um Ihnen beiden die Chance zu geben, als Mutter und Tochter zusammen zu wachsen.

Die kleinen Fortschritte, die Mogli bei uns gemacht hatte, gab sie sehr schnell auf noch schlimmer, sie viel in Anfallsleiden, schlief nur noch, nahm immer mehr ab und wurde immer Lebensmüder. Die zuständige Kinderärztin überwies sie in eine Kinderklinik zur medizinischen Abklärung ihres dissoziierten Verhaltens.

Dort war Mogli für drei Wochen ganz allein. Tag und Nacht, ohne große Ansprache, ohne körperliche Zuwendung und ohne nur einen Hauch von mütterlicher Liebe.

Da die Rückführung „vollzogen“ war, erfuhr ich von all dem nichts, sonst wäre ich bei ihr gewesen. Um sie zu beruhigen, zu trösten, zu füttern und einfach nur um für sie da zu sein.

Mogli wurde, ohne konkrete Diagnosen, zurück zur Mutter entlassen und kam kurze Zeit später zurück zu uns. Lebte sich erstaunlich schnell wieder bei uns ein und entwickelte sich, zwar sehr langsam, aber stetig. Sie trank gut, schlief gut und lernte unter regelmäßiger Krankengymnastik, ihren Körper zu spüren und ihre Muskeln zu nutzen.

Sie war bereits etwa ein Jahr alt, als Freunde zu Besuch waren und für ihr Baby eine Spieluhr aufzogen…Noch nie in meinem Leben habe ich ein Baby/Kleinkind so angstvoll, fast erbärmlich weinen hören. Ich trug Mogli sofort aus dem Zimmer, weg von diesen Klängen, die ihr so große Angst machten und nur eine Stunde später, glühte sie vor Fieber.

Zufall?

Ihre eigene Spieluhr ließ sie immer friedlich einschlafen…

…dachten wir zumindest…bis Mittwoch…fast vier Jahre später…

Wir ahnten, diese Melodie der Spieluhr hatte vermutlich etwas mit Moglis Vergangenheit zu tun. Ebenso wie knallende Türen, bestimmte Gerüche und Ärzte…all diese „Trigger“ erkannten wir recht zügig, versuchten sie davor zu schützen und ahnten das gesamte Ausmaß, nicht im Mindesten…

In all meinen Berichten, der ersten eineinhalb Jahre, die ich ans Jugendamt geschrieben habe, steht wie pflegeleicht Mogli abends einschläft. Sie trinkt ihre Flasche, wird gewickelt ins Bettchen gelegt, Spieluhr an, Türe zu.

-Mogli schläft. Sie schläft durch. Immer! Von 19 Uhr bis 7.30 Uhr. Mindestens…

Bis zu einem bestimmten Tag nach einem katastrophalen Besuchskontakt mit den leiblichen Eltern. Mogli war zum ersten Mal wach, hat sich nicht „weggebeamt“ sondern ausgehalten. Was darauf folgt ist der Anfang von 1,5 Jahren Stress, Kampf, viel Weinen (auf beiden Seiten)

Ich wollte Mogli, wie jeden Abend, nach ihrer Flasche ins Bett legen, machte die Spieluhr an und wieder dieses angstvolle Weinen. Ich schob es auf den, für sie so anstrengenden Besuchskontakt, beruhigte sie und ließ sie in meinem Arm einschlafen. War völlig überrascht, dass sie in der Nacht und auch in den Jahren danach, jede Nacht, weinend aufwachte und nur noch bei uns im Elternbett, beruhigt weiterschlief.

Erst seit Mittwoch weiß ich warum. Seit Mittwoch verstehe ich und seit Mittwoch vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht dafür hasse, es einfach nicht gesehen zu haben. Ich wusste es nicht aber der Anspruch an mich selbst, ich hätte es ahnen müssen oder zumindest drauf kommen können. Es zerreißt mich und es tut mir von Herzen unendlich weh und leid.

In den drei Wochen, in denen Mogli in der Klinik war, wurde alles an ihr untersucht, was medizinisch möglich ist; EEG, EKG, Ultraschall, mehrere Bluttests, Schweißtests, CT, täglich Fiebermessen und was weiß ich noch alles. Wann immer eine Schwester oder ein Arzt etwas an Mogli gemacht hat, wurde eine Spieluhr angemacht um sie zu beruhigen weil sie alleine war, niemanden hatte, der sie auf den Arm nimmt oder sie wenigstens tröstet.

Was gut gemeint war, ist heute für unser Herzenskind unerträglich.

Der Klang einer Spieluhr, die Melodie spielt dabei keine Rolle

Mogli hat verknüpft, wird eine Spieluhr aufgezogen, kommt ein Arzt, eine Krankenschwester, wird ihr wehgetan, bekommt sie Angst, passiert irgendwas an ihr, womit sie alleine zurechtkommen muss und anschließend wird sie verlassen. Rums Krankenhaus Türe zu. Todesangst. Wann hört diese schreckliche Melodie wieder auf…?

Ein Baby, keine 10 Wochen alt, davon die meiste Zeit ungehört, sie schreit nie wenn sie Hunger hat, zu oft wurde sie nicht gehört…Hunger? Eine stille Bekannte, die mit viel Schlaf vorbei geht. Das perfekte Krankenhausbaby ohne Begleitung…schläft ohne weinen ein, trinkt die Flasche nur, wie es der Dienstplan zulässt und braucht ansonsten kaum Aufmerksamkeit…und wenn wird die Spieluhr angemacht

Und ich? -ich habe sie jeden Abend ins Bett gelegt, die Spieluhr aufgezogen. Jeden verdammten scheiß Abend habe ich meinem Kind, seelische Grausamkeit angetan, sie in ihre Angst katapultiert und sie mit dem Schließen der Türe ihres Zimmers, ebenfalls alleine gelassen…Ich habe mich in den Tagen seit Mittwoch so oft übergeben, wie in keiner meiner Schwangerschaften…warum verdammter Mist, habe ich es bis zu dem Tag, dieses völlig verkorksten Besuchskontakts nicht gesehen, nicht gemerkt, dass mein Kind nicht friedlich einschläft, endlich in Sicherheit ist, sondern tagtäglich in ihr sicher erprobtes Verhaltensmuster der Dissoziation zurückfällt?

Ich konnte all das nicht wissen, das weiß mein Verstand sehr wohl und dennoch ist es schwer zu ertragen damit zu leben, das eigene Kind Tag für Tag retraumatisiert zu haben. Abends, wenn ich im Bett lieg und nicht schlafen kann, frage ich mich, ob Mogli ihre Ängste jemals überwinden kann und ob es anders wäre, hätte ich all das gewusst…

Das Elterncoaching hat all das mit fehlenden kleinen Schlüsseln hervorgebracht und war für mich Himmel und Hölle zugleich.

Wir haben jetzt einen Weg, er fühlt sich richtig an, wir werden begleitet, ein Stückchen an die Hand genommen, können Verantwortung, nicht abgeben aber zumindest teilen und der Gedanke, dass wir nicht alleine sind, trägt mich durch diese gerade so anstrengende Zeit…

Mogli, mein Herz, ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen, dass ich die falschen Schlüsse gezogen, es einfach nicht gesehen habe.
Ich liebe Dich

PS: Frau L. Wenn sie das jemals lesen, ich danke Ihnen für Ihre unfassbare Gabe, mir mein Kind erklärt zu haben, ohne es je gesehen zu haben. Sie sind ein wahres Goldstück ?


Ein Kommentar zu „Elterncoaching”

  1. Anne sagt:

    Ich hab nicht alles lesen können vor lauter Tränen. Deinen Blog sollten viele Menschen lesen um Mogli besser zu verstehen.Von euch können sich viele Familien eine dicke Scheibe abschneiden!!!!

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