Die kleine Raupe zieht ein ?

Alles ging so unfassbar schnell, als mich am 4.11.16 das Jugendamt anrief und ein knapp vier Wochen junges Neugeborenes ankündigte. Ich saß mit Mogli beim Abschiedsfrühstück, einer wunderbaren Erzieherin im Kindergarten, als mein Handy mich aufschrecken ließ. Die zuständige Sozialarbeiterin wusste nicht so viel über die Prognose zu sagen da zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht klar war wie eine weitere Perspektive aussehen könnte; Minderjährige Mutter, die nicht mehr in der Mutterkindeinrichtung bleiben wollte und weibliches Baby, einen Monat alt, waren die einzigen greifbaren Einzelheiten. Und! Das der Vormund samt Baby schon auf dem Weg zu uns war und bereits in der nächsten viertel Stunde da sein würde, wenn ich zusagen würde die Kleine aufzunehmen.

Wie bitte? 15 Minuten? Ich hoffte, dass die Einrichtung zumindest für das Wochenende genügend Nahrung, Fläschchen und Windeln mitgegeben hat, denn mit einem frisch eingezogenen Baby mag ich ungerne sofort einen Großeinkauf erledigen…und es gab auch für das anstehende Wochenende noch jede Menge umzuorganisieren. In Gedanken plante ich bereits die nächsten Schritte und hakte meine virtuelle Liste ab, was als nächstes zu tun war.

Ich sagte zu, das Baby aufzunehmen!

Mit Mogli an der Hand verabschiedete ich mich von der Erzieherin, dankbar mich dem traurigen Teil der Abschiedsfeier schon vorzeitig entziehen zu können. Habe ich je erwähnt, wie sehr ich Abschiede hasse? Auf dem Weg zum Auto erzählte ich Mogli, dass ein Mann uns jetzt gleich ein Baby bringen würde, auf das wir eine Zeit lang aufpassen würden. Mogli schaute mich mit großen Augen an und fragte mich ob das Baby denn nach dem Mittagessen mit ihr Knete spielen könne?

Wie unglaublich schön ihre dunklen Augen aussehen, dachte ich als Mogli mich voller Neugier ansah und meine Antwort erwartete.

Immer wenn ein neues Kind angekündigt wird, muss ich ganz automatisiert an den Augenblick denken, in denen ich Mogli zum ersten Mal in ihre Augen schaute und sogleich völlig verzaubert in ihren Bann gezogen wurde…diesen einen kurzen, vermeintlich unscheinbaren und doch so magischen Moment, werde ich wohl nie vergessen.

Nachdem ich Mogli erklärt hatte, dass es noch ein klitzekleines Minibaby sei und kein großes Mädchen, wie die kleine Elsa, die die Sommerferien bei uns verbracht hatte, wurde Mogli ganz andächtig und still. Ich war jedoch ehrlich gesagt froh, dass sie nicht weiter fragte, denn das Auto vom Vormund fuhr schon vor, obwohl wir selber noch keine fünf Minuten zu Hause waren und nichts aber auch gar nichts organisiert oder vorbereitet war…wie auch? Ich wusste ja erst seit knapp 10 Minuten, dass ein Baby einziehen würde. Und mein Mann wusste es noch gar nicht.

Mit einer kleinen Reisetasche in der einen und einer Babyschale in der anderen Hand stand dann auch schon der Amtsvormund mit dem Säugling in unserem Esszimmer. Er erzählte mir, dass die leibliche Mutter diese Maßnahme selber gewünscht hatte, da sie sich nicht vorstellen konnte, weiterhin mit ihrer Tochter in der Einrichtung zu leben und es deshalb vermutlich ein sehr unproblematischer Fall sei. Laut seiner Aussage, sollte die Kleine sehr zügig, mit dem Einverständnis der Mutter, in eine Dauerpflegefamilie wechseln. Maximal zwei bis vier Wochen, war seine Prognose. Die Umstände hatte ich ja bereits von der Sozialarbeiterin erfahren, die Idee, der schnellen, dauerhaften Unterbringung war mir zwar neu, spielte aber auch nur eine untergeordnete Rolle. Ich war nur für die Versorgung der Kleinen zuständig und darauf freute ich mich!

Keine langwierigen Gerichtsverfahren mit Gutachtern, Verfahrenspflegern und Gezerre um Dich, kleine Maus. Wundervoll, wenn Du schnell einen dauerhaften Platz bekommst um Wurzeln zu schlagen und geborgen aufwachsen zu können, dachte ich trotzdem insgeheim und freute mich, dass dies vielleicht Realität werden könnte.

Wir tauschten Telefonnummern, besprachen kurz einen weiteren Termin und schon war der Vormund auch wieder weg. Zehn Minuten Ankündigung und zehn Minuten Übergabe! Wow, was für ein Tempo dieser Tag vorlegte.

Mit dem kleinen Babymädchen auf dem Arm und Mogli neben mir saß ich auf der Couch und ließ beiden Mädchen genügend Zeit in der neuen Situation anzukommen. Mogli streichelte liebevoll über den Bauch der kleinen, hielt ihr Händchen und sorgte dafür, dass sie ihren Nucki nicht verlor. Es war ein so rührender Anblick, zu sehen und zu erleben, wie selbstverständlich Mogli mich mit einem Baby teilte, es umsorgte und völlig in ihrer Rolle als kleine Baby-Mami aufging! Mich erfüllte eine tiefe Wärme, denn ich wusste augenblicklich, dass ich mir keine Sorgen um Eifersucht, Vertrauen oder gar Verlustängste machen musste, wofür ich sehr dankbar war und was für Mogli lange nicht selbstverständlich war.

Nachdem die Kleine ihr erstes Fläschchen ganz unproblematisch getrunken hatte und gesichert auf der Couch eingeschlafen war, holte ich den Stubenwagen vom Speicher und packte ihre Reisetasche aus. Wie fast immer üblich, waren nicht viele brauchbare Dinge dabei; zu groß, zu klein, nicht wetterentsprechend oder völlig verwaschen, fiel mein vielleicht auch zu kritisches Urteil aus und kletterte ein zweites Mal auf den Speicher um die entsprechenden Kisten mit Mädchenkleidung in Gr. 56 und 62 runterzuholen. Die Kleidung, eine Wippe, Sterilisator, Babyfon und meine geliebte Fräulein Hübsch Trage waren im Nu runtergeholt und fanden schnell die noch so vertrauten Plätze von Moglis Zeiten als Baby bei uns. Und wieder durchströmte mich ein warmer Schauer. Die niedliche Babykleidung und die Wippe wieder im Wohnzimmer stehen zu sehen, weckte so viele Erinnerungen und Gefühle. Gefühle die ich inzwischen einzuordnen wusste und auf die ich nochmal ganz anders vorbereitet war.

Am Nachmittag hörte ich das Auto von meinem Mann vorfahren und schmunzelte innerlich. Ich hatte ihm zwar schon kurz telefonisch von unserem Zuwachs erzählt aber er wusste noch nicht, dass er gleich schon mit ihr alleine bleiben musste, denn es waren, wie schon befürchtet, natürlich nicht genügend Nahrung und Windeln vorhanden und Mogli musste zur Reittherapie. Selbstverständlich stellte ich ihm frei auch die Therapie und die Einkäufe zu erledigen während ich mit dem Baby zu Hause bleiben würde. Da jedoch Pferde nicht unbedingt zu seinen Lieblingstieren gehören (er hat Angst, würde es aber niiiiieeeee zugeben), war mir schon vorher klar, wie seine Antwort ausfallen würde.

So fuhr ich am Nachmittag mit Mogli zum Reiten und gleich anschließend in die Drogerie um zwei neue Fläschchen, Nahrung, Windeln und ein Sammelsurium an Babyartikeln zu kaufen, die wir vermutlich inzwischen in der dreifachen Ausführung bereits zu Hause hatten, ich aber dennoch bei Babysachen nie widerstehen kann, kennt ihr das? Man sieht ein Mützchen, Söckchen oder ein Kuscheltuch und ihr müsst es einfach kaufen? –es geht kein Weg dran vorbei? – Bruce Darnell hat mal gesagt, es ist uns in die Wiege gelegt worden und somit genetische Veranlagung. Wir können also gar nichts dafür! -Und ich glaube er hat Recht 

Nachdem alles im Kofferraum verstaut war, rief ich kurz zu Hause an um anzukündigen, dass ich es rechtzeitig zur nächsten Flaschenmahlzeit nach Hause schaffen würde und fragte ganz beiläufig, wie es der kleinen Raupe gehen würde? Er stutzte am Telefon und erzählte mir, dass die kleine gerade auf seinem Arm schlummerte und er just in dem Moment gedacht hatte; Babymädchen, Du siehst aus wie eine kleine Raupe!

Unser aktuelles Bereitschaftsbaby wurde gleich am ersten Tag; unsere kleine Raupe!

Nach unserer Ankunft, versorgte ich die kleine Raupe, machte Abendessen, wir brachten gemeinsam Mogli ins Bett, spielten unsere übliche Freitagabend Kartenrunde mit der großen Schwester und fühlten uns, als wäre es nie anders gewesen.

Die kleine Raupe war erst wenige Stunden bei uns und dennoch waren wir in unserem Alltag zu sechst vollkommen angekommen und eingespielt. Ihr Geruch war uns so vertraut, ihre Händchen und Füßchen wirkten nicht fremd und ihren kleinen Körper im Arm zu spüren fühlte sich an, als wäre sie von Anfang an bei uns gewesen. Sie schaute uns mit großen, neugierigen Augen, ganz bewusst an, lächelte zaghaft und war in sich ruhend so zufrieden, atmete förmlich durch und genoss jegliche Form der Ansprache. Und wir? -wir genossen es einfach vorübergehend und für unbestimmte Zeit wieder „Eltern“ eines Babys zu sein.


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