Die Zeit bis zum Prozess

-wie gerne wäre ich ein „desperate housewife“ gewesen

Mogli, ich werde dich tragen, so lange du mich brauchst

Die Zeit bis zum Prozess, empfand ich damals als absolut unreal; Wir lebten nach Kalender, arbeiteten unsere Termine ab und versuchten trotzdem so gut es geht ein normales Familienleben aufrechtzuerhalten. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt so viele Termine, alleine für bzw. mit Mogli, so dass die Tage und Wochen einerseits wie im Flug vergingen und andererseits, emotional betrachtet, war einfach jeder Tag zu viel.

Jeden Freitag mussten wir mit Mogli zur Physiotherapie um gegen ihre Hypotonie zu arbeiten. Sie konnte mit knapp vier Monaten kaum ihr Köpfchen halten, geschweige denn in Bauchlage den Oberkörper stabilisieren. Mogli war wie ein kleines Mehlsäckchen, was sich form- und haltlos an den Körper anschmiegte, der sie hielt.

Die Therapie war für Mogli körperlich, aber auch mental so anstrengend; sich von einer fremden Frau, so intensiv anfassen lassen und es einfach aushalten zu müssen, forderte ihr so viel ab, dass wir an den Wochenenden unser Programm immer auf ein Minimum reduziert haben, um ihr wenigstens zwei Tage Ruhe zu gönnen. Man durfte einfach nicht vergessen, dass sie noch ein kleiner Säugling war…und noch dazu mit viel zu viel Vergangenheit

Immerhin konnte sie inzwischen auch mal einige Stunden wach bleiben und körperliche Nähe, zumindest mit uns, aushalten. Sie hatte so sehr gekämpft, wieder zu Kräften zu kommen, knüpfte zartes Vertrauen und dennoch musste ich sie so vielen Dingen aussetzen, über die ich keine Kontrolle hatte, oder sie nicht anders hätte steuern können und es brach mir jedes Mal das Herz, wenn ihr dunklen Augen mich so flehentlich anschauten…

Die Woche begann immer montags mit einem begleiteten Besuchskontakt, in einer Einrichtung des SKF, die sich darauf spezialisiert hatten, schwierige Umgänge zu begleiten. Immer von 8 Uhr bis 9 Uhr fuhren wir also mit gepackter Tasche und einem „gesunden“ Baby hin um eine Stunde später, völlig fertig mit einem fiebrigen, völlig weggetretenem Baby wieder zurück zu fahren.

Mogli hatte schon früh gelernt, zu überleben und ihr kleiner Körper wusste sich genau zu schützen. Bis zur vermeintlichen Bewusstlosigkeit, stellte sie ihren Stoffwechsel ein um in völliger Abwesenheit, diese eine Stunde zu überstehen.

Das Fieber war eine nur allzu natürliche Reaktion, die meistens schon am Nachmittag wieder vorbei war.

Doch ich kann heute erst mit vorsichtiger Gelassenheit darüber schreiben. In jeder akuten Situation, brach ich innerlich zusammen; Zu spüren, wie ein kleiner Babykörper in meinem Arm vollkommen „wegsackt“
-dissoziiert weil das Gehirn es als letzte Überlebenschance erkennt, gehört zu den grausamsten Dingen, die ich je erlebt habe. Ich habe mich damals eingehend von einem Kinderarzt, der viel Diagnostik-Erfahrung hat, beraten lassen, wie ich am besten mit Moglis Reaktionen umgehen sollte. Das Schlagwort war Ruhe…

Doch bis wir wirklich zur Ruhe kommen würden, sollte es noch etwas dauern.

Zum Ausgleich zu Besuchskontakten, Physiotherapie, Arztbesuchen und Jugendamtsterminen, gingen wir immer dienstags zum Pekip. 1,5 Stunden, die Mogli so gut taten. Sie sog diese Atmosphäre, die dort herrschte förmlich auf. Lauter liebende Mütter, die ihre Babys mit stoischer Geduld umsorgten, trösteten, stillten und einfach da waren. Und ich genoss es, Mogli so entspannt zu sehen. Auch wenn sie die stille Beobachterin war, nie aktiv in Kontakt mit den anderen Babys ging und generell, wir als Mutter-Tochter-Gespann in dieser Gruppe einfach anders waren, liebten wir diese Zeit und waren vollkommen beieinander. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Pflegefamilien bzw. Pflegekinder tatsächlich diesen Stempel der Andersartigkeit trugen…zum ersten Mal wurde ich nicht als „richtige“ Mutter gesehen und damit konfrontiert; in den üblichen Fragerunden zu Beginn der gemeinsamen Zeit, blieben wir häufig außen vor, bei privaten Treffen wurden wir nur von wenigen berücksichtigt und auch bei Gesprächen über die allgemeine Entwicklung der Kinder fragte nie jemand nach Mogli oder nach meiner Erfahrung. Aber all das störte mich nicht, ich ging mit Mogli nicht zum Pekip um dem „desperate housewife“ -Syndrom zu entkommen oder um Anschluss zu finden. Wir gingen um Moglis Willen dorthin und versprachen uns für sie die Förderung ihrer eigenen Wahrnehmung. Und das zeigte sie
Mogli „sprach“ so deutlich, wenn man sensibel dafür war und ihre leisen kleinen Zeichen beachtete.

Mittwochs hatten wir immer im Wechsel; mal Supervision, mal Erziehungsberatung, Termine mit Moglis Verfahrenspflegerin, mit dem Jugendamt oder wir mussten zum Kinderarzt. In unserem Jugendamt ist es Pflicht, im ersten Jahr nach der Belegung, einmal monatlich zur Erziehungsberatung zu gehen. Was ich erst mal als Belastung sah, noch einen zusätzlichen Pflichttermin zu haben, stellte sich im Laufe der Zeit als wirklich große Hilfe heraus. In der Beratungsstelle konnte ich viele Tipps im Umgang mit den Behörden, im Umgang mit Mogli und auch den Umgang mit meiner Familie besprechen, denn diese belastende Zeit, zehrte an uns allen und verlangte von Allen einfach Alles.

Ich bin generell kein Mensch, der groß um Hilfe bittet. Was zu tun ist, tue ich und was ich alleine nicht schaffe, wird so lange bearbeitet, bis ich es schaffe. Ich bin an meinem 16. Geburtstag von zu Hause ausgezogen, wurde mit knapp 17 zum ersten Mal Mutter und hatte früh gelernt, es einfach zu schaffen. Das ist wohl meine größte Schwäche, nie Hilfe anzunehmen bzw. selten danach zu fragen und ich glaube mein Mann musste es tatsächlich erst lernen, mit meiner Eigenständigkeit zu Recht zu kommen …- naja, er hat es geschafft und inzwischen sind es schon 14 Jahre.

An dieser Stelle, danke ich meinem Mann aus tiefstem Herzen, dass er mich mit meinen Ideen trägt, annimmt und vor allem liebt. Danke Schatz, ich liebe Dich, sehr!

Donnerstags war Haushalt-Zeit. Einkaufen, putzen, Betten überziehen…eben alles was so anfällt in einem fünf-Personen Haushalt. Einfach nur lästig und völlig unspektakulär…muss aber leider auch erledigt werden…

Die Nachmittage gehörten immer den Kindern. Der große Bruder ging/geht dreimal in der Woche zum Fußball, die große Schwester zum Reiten und zum Schwimmen. Und wenn keine Vereins-Termine anstanden verabredeten wir uns zum Spielen auf dem Spielplatz, bei Freunden oder bei uns.

Endliche, Mitte Juni und ein letzter vorbereitender Termin im Jugendamt stand an. Mit dabei; Pflegekinderdienst, Moglis Sozialarbeiterin, „meine“ Erziehungsberaterin und die Verfahrenspflegerin. Alle Eventualitäten wurden durchgespielt, denn auch wenn das Jugendamt und die Verfahrenspflegerin sich klar für die Dauerpflege aussprechen würden, war es ein Drahtseilakt, die zuständige Richterin auch davon zu überzeugen. Sie war für ihre Eistellung

„Pro leibliche Familie“

bekannt und eine zweite Schleife der Rückführung war nicht auszuschließen.

Die Verhandlung war für Freitag, den 28.6.13 um 9.30 Uhr angesetzt und nach einer gefühlt endlosen Nacht, fuhr ich mit Mogli zur Physiotherapie. Wir, als Pflegefamilie waren am Verfahren nicht beteiligt und uns blieb nur die endlose Warterei. Nach der Krankengymnastik erledigte ich noch ein paar Einkäufe fürs Wochenende, das Handy immer in der Hand und wurde immer unruhiger. Mir wurde ganz flau im Magen weil ich es für ein denkbar schlechtes Zeichen hielt, dass das alles so lange dauerte.

Wir hatten inzwischen schon nach zwölf Uhr als endlich mein Handy summte.

Die gute Nachricht zuerst; Moglis Eltern haben nach langem hin und her der dauerhaften Unterbringung zugestimmt.

Die schlechte Nachricht; Die Richterin hatte nach endlosen Diskussionen, die wunderbare Idee, wenn sie freiwillig zustimmen würden, würde sie das Sorgerecht nicht entziehen und weiterhin wöchentliche Besuchskontakte anordnen.

Nach einer Verhandlungspause, die die leiblichen Eltern zur Überlegung nutzen sollte, unterschrieben sie schließlich diesen „Deal“

Es half leider auch das Gegenreden des Jugendamtes nichts. Die Richterin war der Meinung, dass Kinder über eine gewisse Resillienz verfügen und Mogli schon damit zurecht kommen würde. Und im Übrigen weinen würden schließlich auch alle Kinder mal…

Nur mit dem Unterschied, dass Mogli eben nicht weinte…aber davon wollte die Richterin nichts wissen…Aber all das spielte für diesen Moment keine Rolle. Alles was ich hörte war;

Mogli bleibt bei uns!
-für immer? Diese vollkommene Sicherheit hat man als Pflegefamilie leider nur sehr selten aber in Moglis Fall ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Dauerpflege in Frage gestellt wird. Die Zeit spielt neben den Gesamtumständen eine große Rolle und inzwischen haben wir eine Rechtschutzversicherung gefunden, die den Antrag auf Verbleib für ein Pflegekind übernimmt. Zumindest teilweise. Es gibt in Deutschland nur eine Handvoll Anwälte, die sich auf das Pflegekinderwesen spezialisiert haben, die Termine sind dadurch rar und die Stundensätze horrend hoch. Dennoch wollten wir nie wieder so ungeschützt, einer solchen Situation ausgeliefert sein.

Doch für den Moment war erst mal alles gut! Wir freuten uns auf den Sommer, wollten gemeinsame Zeit genießen und einfach zur Ruhe kommen. Mogli durfte endlich ankommen. Mit 10 Monaten durften wir endlich Mama und Papa, Bruder und Schwester…wir durften endlich ihre Familie sein!


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